Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

Page: 278
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart40_2/0323
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
sich ausm'mmk und birgk. Diese ge-
dämpske, stille Verteilllng der Getvichke
schassk im wesenklichen die Bildruhe, un-
kerstützk Vvn der tonig verhalkenen Tiese
der Farben. So kommk das Mokiv der
Rast zum letzken, stimmungsvollen Aus-
druck gelassener Ruhe, des verrveilen-
den Geborgenseins und beglückenden Ge-
nusses solchen Daseins — vorwiegend
dnrch die Komposikion zu solcher An-
schauung gebrachk. Ein modernes „Exi-
stenzbild", wie szak. Bnrckhardk mik tref-
sendem Work ähnliche Gebilde des Gior-
gione bezeichnet hak. Geht man von
hier ins Einzelne der Darstellnng, so
dringk man in dessen inkimeres Leben,
in die Verfeinerung des Ganzen ein.
Auch das ist ein Zug großer Kunst, daß
sie uns anf verhüllken, verschlnngenen
Psaden zur letzken Tiese des Gehalkes
leikek. Die jugendliche, seingliedrige Fran
ist von ciner mädchenhask rührenden
Schen in der Ark, wie sie ihre Mnkter-
pflichk übk. Ganz hingenommen weilt
sie still in einer anderen Welk, die der
handwerkliche Mann wie plötzlich, ver-
wnndert spürk, zu der er überraschk nnd
forschend aufschauk. Es schwebk sast der
Zauber eines höheren GeschehenS über
dieser menschlichen Jdylle, der Hauch
einer reineren, nnbewußk und ungewollt
edleren Natur. Mensch und Tier und
Landschaft nehmen daran gleichmäßig
teil. Das Ganze klingt wie verhalkene
Kammermusik, deren leichke Gedämpstheit
uns beruhigt und beseligk.

Zu unseren Liebermann-Zeichnun-
gen. Glauben wir nn't einem der be-
sten Kenner des Meisters, daß Lieber-
mann im LeHken eine Schwarz-Weiß-
Nakur, so setzen wir damik nicht sein
vielseitiges Malwerk und dessen sür
Deukschland bahnbrechende Bedeukung
herab; wir sagen damik nur, daß dieser
Künstler auch im Bild mehr den Ton
als die reine Farbe bevorzugk — im All-
gemeinen gesprochen, das nichk frei von
stark koloristischen Ausnahmen ist. Merk-
würdig jedensalls, daß Liebermann in
seinem reichcn Zeichnungs-Werk ungleich
felbständiger und einheiklicher zur letzt-
möglichen Vollendung, zur poesievollsten
Verklärung gekommen als in seiner Ma-
lerei, in der man immer wieder die
neue Verarbeikung äußerer Anstöße be-
merkk. Mik den go er Iahren, da er
die schwebigc Beweglichkeit des Lichkes zu

278

meistern beginnk, wandelk sich auch seine
Zeichnung von einer gewissen Gebunden-
heik und dem bleistiskmäßig Genauen
zur lockereren Ark der Kreide und Kohle;
allmählich kommen auch Tinte und
Tusche zu ihrem Recht. Zuletzt slitzen
und blitzen die Skriche wie sausende
Husarenhiebe, peikschen die Linien und
Form aus der Lufk gleichsam heraus, z.
B. in den vielen Skudien zum Polospiel
Wir bringen zwei Bläkker aus d'en go er
fsahren, die unserer „Liebermann-
Mappe", herausgegeben vom Kunst-
wark, enknommen sind, und eine ekwas
späkere Zeichnung, die uns die Münche-
ner Graphische Sammlung gükigst zur
Verfügung gestcllk hat. — Liebermann
ist auch als Zeichner Jmpressionist; ja er
ist eS hier besonders rein, geistreich, selbst-
verständlich und stimmungsvoll. Die
Wirklichkeit soll möglichst lebens-voll und
bewegt als unmiktelbarer Gesamteindruck
vor uns erstehen, alles wird nach dem
Grade seiner Wichkigkeit betont odcr un-
terdrückk, ist bis in den flüchtigstcn
Skrich, in das aufblitzende Licht, den
vorüberhuschenden Schakken überlegt
und gemeisterk, ein organischer Teil,
ein nokwendiges Teilchen im Ganzen —
und hierin wird Liebermann immer knap-
per und schlagender zugleich, die reissten
Arbeiken sind daS selkene Ergebnis eines
erstaunlichen Könnens und abgeklärker
Weisheik; obwohl in der Nakur ver-
ankerk, doch mehr als diese: die Ver-
geistung ihrer Erscheinung und ihres
Lebens.

Wie das„LesendeMädchen" locker, elegank
und zugleich vcrsenkerisch gesammelt sitzt,
wie um sie in wohligem Hell-Dunkel einc
behaglichc Akmosphäre webt, wie sich die
dichken, warmcn Schakten bald strassen,
bald bündeln, wic das Licht dagegen
flammt und zugleich formt! Und daS
alles ist in forschen Skrichen flotk hin-
geschrieben wie ein temperamenkvoller
Brief voll quellender Mitteilung.

Das Thema des „Biergarkenö" hat der
Künstler oft behandelk. Dabei geht es
,hm nicht um die Biertrinker, um keine
genremäßige Schilderung alkoholischer
Genüsse, sondcrn um daö Spiel von
Licht und Schakken mit den Menschen
und Dingen. Das zuckende Lichk und sein
streifiges Fächerspiel erzeugen ein be-
wegkes Schwarz-Weiß-Gespinst, in dem
die sammetigen Grate der Radiernadel
einen weichen Saum um die Striche le-
loading ...