Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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siattet die Enkfaltung der künstlerischen Einzelpersönlichkeit, des Leiters, auf
defsen schöpferischer Arbeit der ganze Theaterbetrieb aufgebaut ist. Hier wird
ihr nur eine ernzige Grenze gezogen, die des geschäftlichen Erfolgs. Sie er-
zwingt natürlich ihre Konzessionen, aber es sind Konzessionen, um die jeder
weiß, die nicht hinter einem idealistischenMäntelchen verborgen werden und die,
nachdem die größte Zahl der Privatbühnen zu reinen Unterhaltungsstätten de-
gradiert ist, dem kleinen Rest eine relative künstlerische Freiheit gestakten. Rrach
der Mafsenabwanderung von den Schaufpielhäusern hört allmählich auch der
Kitsch auf, ein Geschäft zu sein, und die Kunst fängt an, materiell zu reüssieren.
DieErkenntnis, daß bei dem kleinen Kreis des Publikums, das für ernstere Theater
nochin Frage kommt, gerade nn'L wirklich hochstehenden Kunstwerken geschäftliche Er-
folge zu erzielen sind, beginnk bei den PrivaLtheaterdirektoren sich durchzusehen.

Die sogenannten gemeinnützigen Theater, vorab die Staats- und Stadttheaker
sind heute mik Ansprüchen belastet, die ihre Intendanten zu den wenigst be-
neidenswerten Menschen unserer Zeit machen. Dieselben Jnteressengruppen,
die sich die Politik zum Tummelplatz auserkoren haben, machen auch die deuk-
sche Theaterpolitik der Gegenwart. Man mag zu Leopold Aßner stehen, wie
man will: ein Erfolg der Kräste, die in den gegen ihn gerichteten Jnter-
pellationen des preußischen Landtags zum Ausdruck kamen, bedeutete das Ende
jeder Möglichkeit, das Berliner Staatsschauspiel als Kunstinstitut zu erhalten.
Man mag auch die Znszenierung, aus die hin der jetzige Heidelberger Jnten-
dant Keller vor zwei Fahren zum Rücktritt von der Leitung des bayerischen
Staaksschauspiels gezwungen wurde, ans künstlerischen Gründen abgelehnt
habcn; vor den Argumenten, mit denen seine Gegner zu Felde zogen, konnte
einem angst uno bange werden. Die selbstverständliche Forderung, daß nur
der Sachverständige ein maßgebendes Urteil zu fällen habe, daß in Fragcn
des Theaters nur der dreinreden soll, der ein inneres Bedürsnis nach dem
künstlerischen Erlebnis, genannt Theater, in sich verspürt, wird nie in dem
Maße außer Acht gelassen, wie bei der Bildung der Instanzen, von denen die
Leitung der gemeinnützigen Theaker abhängt. Daß trotzdem noch so manche be-
deutende Inszenierung an diesen Bühnen zustande kommt, ist ein überzeugen-
der Beweis sür das Könncn einzelner Männer, die ein glücklicher Zusall an
die sührenden künstlerischcn Stellen gebracht hak.

Ähnliches gilt von dcn Theatern, die im Besitz der großen Publikumsorgani-
sationen sind. 2luch hier der Anspruch aus Gemeinschaft, wo es sich in Wirk-
lichkeit um Vereine handelt, deren Mitglieder in ihrer großen Masse aus
allen möglichen äußercn Gründen zusammengeströmt sind. Der Fall Piseakor,
der in Wirklichkeit ein Fall „Berliner Bolksbühne" war, ist dafür ein Schul-
beispiel. Ob Piscator ein großer Künstler ist, oder ob er sich in Theorie und
Praxis aus Irrwcgen besindet, die Frage spiclt in diesem Zusammenhang cine
nebensächliche Rolle. Man kann sogar zu der Ansichk neigen, daß Piscator in
dem konkreten Falle, der seinen Bruch mit der Volksbühne zur Folge hatte,
im lknrecht war; man kann die Verteidigungsrede, die ihm Ernst Toller auf
der Magdeburger Volksbühnentagung hielt, für reichlich slach und sachlich
salsch halten — dic Idee der Gemeinschaft und die Sache der Kunst wurde
von der Bolksbühnenminderheit vertreten, die gegen die Maßnahmen des
Vereinsvorstandes protestierke.

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