Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Die Krise des deutscheii TheaLers, die Kulturkrrse der GegenwarL sind Teil-
erscheiuungen in der ungeheuren MenschheiLskrise unserer ZeiL. An die posi-
Live Überwindung dieser Krise glauben, heißL an den Durchbruch der Wirk-
lichkeiL durch eine WelL des Scheins, heißL an die ZukunfL glauben. Es gehL
dabei nichL um die Formen. Das TheaLer, in dem eine zukünfLige BoLschaft
sich repräsentieren wird, hat vielleichL mit den Formen des heutigen TheaLer-
beLriebes nur sehr wenig zu Lun. Aber diese RepräsenLaLion r'st nötig, wo eme
Anarchie des Überganges dnrch eine positive Rangordnung der WerLe abgelöst
werden soll.

Es hat eine Zeik gegeben, welche die Kunst und das TheaLer absoluL sehte,
die einem idealistischen Kunstbegriff huldigte, in dem die Kunst Selbstzweek
wurde, die ZeiL, in der die bürgerliche GesellschafL in den Prozeß der Zer-
setzung hineingezogen wurde, der im WelLkrieg seinen sinnfälligften Ausdrnck
fand. Die Kunft der Gegenwart, und das iji auch die EnLwicklung, die beim
Thcater dentlich abzusehen ist, strebt in eine dienende Funktion im sozialen
GesamLorganismus zurück. Das ist der positive Kern, der sich unter der prä-
LenLiösen Bezeichnung „Neue SachlichkeiL" birgt. Für unsere Hoffnungen
lassen sich gerade aus der Praxis des Tages Belege anführen. So^ons cls
notrs siöcle.

Über den muflkalischen Rhythmns

Von Karl Grunsky, StuLtgarL

as WorL RhyLhmus wurde von den Griechen geprägt, ging von der An-

^^schauung des Auges aus und bezeichnete den Fluß. Auch die Linien cines
Gewandes, eines Gefäßes konnten „fließen". Das Wasser sucht und findet
scinen Weg kanm je in geraden, meist in bogenförmigen, nie in scharfeckigen
Linien. Rhythmus ist also der wohlgefällige Bogen, den die bildende Kunst
in allen möglichen Erzeugnissen nach- oder fortbildeL.

Den RhyLhmus dürfen wir als eine Absage an die schnurgerade, ins llnend-
liche weiterführende Linie auffassen. Iede Biegung, wie sie dem Wasserlauf
eigneL, kann ins maßvoll BegrenzLe zurückleiten: d. h. auf die Musik über-
Lragen, daß sie eine Form in sich selber zurückrundet. Das Kreisförmige,
Zyklische prägt sich im WiederholungsLeil der SonaLe auffallend deuklich aus.
Die höhere Stufe, auf die uns eine solche Wiederholung bringt, läßL sich
freilich miL dem Wasserlauf nicht vergleichen; denn Wasser fließL nicht nach
oben, kehrt nichk zu seinem Ursprung zurück. Aber das Bild des Wassers
und weikerhin der Welle ist doch ein treffliches Gleichnis, in dem sich auch
musikalisches Geschehen spiegelt. RhyLhmus bedeuLet somit VerzichL auf die
unabgeteilte Starrheit der Geraden, und da die Zeit einer solchen Geraden
gleicht, so bekommt der RhyLhnms noch den besonderen, sehr zutreffenden Sinn,
daß er die Gliederung der an sich ftetigen Zeit übernimmk. Weniger ergiebig
fchcinL uns der Vergleich zwischen dem Zusammenhang der WasserLeile und
dem Gleichmaß einer Musik, die folgerichtig verläuft. So wichtig die
Forderung des Zusammengehörigen sein mag, sie wird keineswegs nur vom
Rhythmus, sondern auch auf andere Weise erfüllt. Die HaupLaufgabe des mnsi-
kalischen Rhythmus besteht jedenfalls darin, daß er die ZeiL einteile.

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