Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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melodischer Linien verleihk der RhyLhmik neue Reize. 2lm einfachsien aufzu-
fasfen ist, wenn nur llnierteilungen einer durchfichLigen Betonungsreihe vor-
liegen. Die Musik liebt es, den gehalLenen Tönen eines melodischen Zuges
erhöhte BeweglichkeiL anderer Linien beizugeben. Sie erzeugt ofL den Ein-
druck sietigen Fließens, der ja auch im Wortfinne des RhyLhmus liegL. OfL
ist es, als gewahrten wir das Geschiebe von Wellen ungleicher Lebendigkeit.
Viel schwerer ist die Auffassung, wenn zwei Linienzüge einander im VerhälL-
nis von Zwei zu Drei widersprechen. Gelegentliche llberbauung durch Duolen
oder Triolen stört nur wenig. Aber wenn sich die AufmerksamkeiL dauernd
Leilen soll, kann sie den Durchblick nur schwer festhalten. Soviel ich
sehe, haL eigentlich erst Bruckner damit ernstgemacht, Zwei- und Dreitakt
übereinander zu lagern. Zhr Ringen wirkt ungemein herb und willenskräftig.
Bon anderem Gepräge isi die vorübergehende Trübung des rhythmischen
Gefühls, wenn es von allen möglichen überkreuzLen Ein- und llnkerkeilnn-
gen Verivischt wird. So läßL Wagner im Parfifal die erste Melodie des
Wendmahls wundervoll emporschweben, indem er sie in ein Gewoge einhüllt,
desfen RhyLhmus unentscheidbar bleibt.

Eine Neuerung brachte Bruckner auch nnt der zeiklichen Folge des Zwei-
und Dreitaktes. MiL Recht legt Kurth in seinem Werke über Bruckner gerade
dieser eigenartigen Berbindung hohen inneren WerL bei. Die Ausführung
ist nichk fo leicht, wie es den Anschein hat. Die Folge von Zwei und Drei
seHL eine Einheit von sechs Teilen voraus, so daß eine leise, aber doch deut-
liche synkopische Spur einfließt, ein Hin und Wider, das unendlich reizvoll
verläust, wenn es nichL, wie gewöhnlich, enkstellL wird.

Auch die Harmonie leisteL ihren BeiLrag zur rhythmischen Gliederung. Es
liegt z. B. in der IlaLur der Dissonanz, zu betonen. Stehk sie also nichL hinter
dem TakLstrich, so wirkL sie synkopisch. Will sie der Tonseher ihrer rhyth-
mischen EigenarL berauben, so wird er es nur bis zu einer gewissen Grenze
durchsühren können. Denn gerade die Dissonanz will, um innerlich verstanden
zu werden, „den Ton angeben". Anders ausgedrückt: man empfindet die sehr
weiten llnterschiede der Mißklänge je nach der Ark, wie sie rhythmisch be-
handelL sind. Als zwei Grenzen seien nur durchgehende NvLe und VorhalL cr-
wähnt: jene schiebt oder schleicht sich zwischen ein, dieser bcansprncht oder er-
obert einen Hochplatz, von dem aus er gleichsam „gesehen" wird, d. h. den rhyth-
mischen Eindruck bestimmt. Zm übrigen können die Harmonien miLunLer so
sließend ineinanderwechseln, daß betont und unbetont wenig mehr unterschieden
wird. Gerade wie durch gleichmäßiges Aussüllen jedes TakLLeils in der Fuge
stcllenweise das rhythmische Leben zu verstummen scheink.

Es liegt im Zuge der Zeit, den RhyLhnms stillzulegcn. Vielleicht bricht er
dann um so stürmischer wieder hervor. Inzwischen wird es gut sein, sich klar-
zumachen, daß der RhyLhmus, so urwüchsig seine MachL ist, doch in sehr ver-
schiedener Weise zur Gelkung kommt, je nachdem ihn die andern Miktel des
Kunstwerks: Melodie, Harmonie, Klang, Stimmigkeit begünstigen oder ein-
schränken. Bei der Fuge liegL die Sache so, daß sie geschlossenen rhyLhrnischen
Eindrücken widerstrebt. Ihr Gleichmaß erscheint zunächst etwas einförmig.
Man vergißL es aber, oder vielmehr, es nimmt seine eigenen zugehörigen For-
men an, wenn man dem Kampfe der Stimmen lauscht. Verständlich ist, daß

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