Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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wieder fliehen, nm eigene Wege der Einsarnkeit zu snchen; — wir verlassen wieder
nach einigen wenigen Angenblicken die Kirche, kalt nnd teilnahmloS, wenn daS Ge-
süge starr-rechnerisch, in aller Flncht schon erneutes Vereinigen eindeutig verratend,
vor unö sich ausbaute; wir bleiben gebannt stehen und vergessen mit angehaltenem
Atem und klopsenden Pulsen der Zeit und des Ortes, wenn das Gesüge Spannungen
verrät, die jede Einigung unglaubhast machen, wenn Widerstreite ausslammen, deren
Dersöhnung tränenerpressend in unbegreislicher llberraschung ist. — Machwerk
und Kunstwerk, Mathematiksicherheit und Raketenbogenkühnheit: das eine zeit-
lich, das andere ewig: ewig, nicht als Werk, wohl aber, als Glied in der Kette
der Entschleierungen der ewigen Wahrheit, der Einen, großen, erlösenden.

Jm Widerstreit allein pulst das Leben und ruht es zugleich. Starr und kahl deuten
die Laubbäume in den Himmel des Winters. Nur das Kennerauge des Gärtners
sieht unter der harten schwieligen Rinde verborgen den Keim künftiger Blüte;
Keim, in seiner Zartheit größter Widerpart zum srostharten Baume und dennoch, in
inniger Verschmelzung mit ihm, des Baumes Leben in Hossnung der Zukunst.

So ist alles Kunstwerk Durchgang, ist Knospe und Träger des Lebenssastes ewiger
Wahrheit; so ist alles Kunstwerk Spannbogen von Widerspruch zu Widerspruch,
und nur solch Werk des Geistes ewig, das Widersprüche trägt und erträgt, ohne
zu zerbrechen, ja, das an ihnen erstarkt und jung bleibt und sruchtzeugend.

Wohl selten wurden in einem prominenten Menschentyp mehr Widerstreite aufge-
deckt, in einem Geistwerk mehr Widersprüche festgestellt, als in der Person Schopen-
hauers und in seiner Lebensschöpsung. Jst er darum schon Künstler? — Nein
und ja.

Nein, denn es kommt immer nur aus die Spannweite des Gefühls oder des Geistes
des Ausnehmenden an, um die Widerstreite in Schopenhauer und seinem Werk
auszulösen, um die Widersprüche zu einen.

Auf die Spannweite des Gesühls: wer, in Memoirenwerken lesend, so lebhast mit-
schwingt, daß die Personen der Vergangenheit, die da aus Briesen und Tagebüchern
lebendig werden, durch des Lesenden stilles Zimmer leibhaftig schreiten, der läßt sich
weder irre machen durch Rappaports Eifergeiser, noch durch Möbius' Psychoanaly-
tiken, noch gar durch Ebstein, der gewisse Vermutungen zu KrankheitStatsachen
kühn-frech verdichtete — — er läßt sich den Menschen Schopenhauer als leiddurch-
schauenden, Humorvoll-Iächelnden Beruhiger herauswachsen aus den Tagebüchern
seiner Schwester, den Auszeichnungen der Freunde, den Briesen der Mukter und
den sonnenwarmen Kindheitserinnerungen der Lucia Franz.

Und zum Erfassen der Einheit des Werkes kommt es an aus Spannweite dcS
Geistes, denn immer, bei allen bisher von Kritikern aufgebrachten Widersprüchen,
hat es sich gehandelk nur um ein Jdentisizieren zweier konzentrischer Ringe, aus
deren Spiraltanz das ganze Werk gesügt ist, hat es sich gehandelt um das Ver-
wechseln zweier Einsalltore miteinander unö dadurch um das Verschlingen zweier
diesen Toren entsprechender Wege — zweier Einfalltore in das einzigartig ge-
schlossen-osfene Werk, daS der Meister selbst ein Theben mik hundert Toren ge-
nannt hat, daher man auf hundert Wegen ins Jnnere könne, alle aber sührten sie
zum Einen, zum Mittelpunkte.

Das also ist es noch nicht, das Vorhandensein dcr Widersprüche als solcher und
ihre Auflösbarkeit durch die Kenntnis des ganzen Menschen und des ganzen System-
baues, waS Schopenhauer zum Künstler stempelt, wiewohl der Bau in seiner Art
ja stark schon Ja zu rusen scheint als Antwort aus die Frage: Lebendig? Ewig?
Durchgang?

Es ist ein Anderes, ein Widerspruch, größer, gewaltiger als alle bisher entdeckten
und bemängelten — er bleibt stehen als unüberbrückbar und dennoch als lebendiger

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