Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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„Die Menschen, sag' noch, wann kamen die Menschen?" drängte der Braune,
ein armseliges Schluchzen kam aus ihm hoch.

„Ich weiß es nicht, Bruder vom Moor! Ich sage dir, vicl Schnee kam
über die Welt. Die Götter lachken, als wir in die Tiefe krochen. Menschen
waren über dem Eis, mik den Göttern verbündek, als die warmen Winde wie-
dcrkamen und die KälLe sloh. Sie schreicn aus, sie wären aus GötLern und
Schlamm gezeugt, und wollen glückselig werden, die Wechselbälge."

Der Zwergalte lachte stoßend, der Moorkerl stimmte heiser ein, es schien ihm
dazu zu gehören. Der heimliche Zuhörer fror, aber er war wie ein Kind
wundersüchtig aus die Worte der beiden.

Eine Weile schwiegen die Unholde. „Sag', wo sind die Götter heut?" höhnke
der Braune endlich. „Mich dünkt, wir waren doch dauerhaster als sie!"

„Jch weiß es nicht!"

„Die Frau von oben, sag', was tut die heuk?"

Wieder dachke der Alte über die Antwort nach, seine Stimme wurde zager.
„Die weiße Mütterliche geht wie einst durch die Welk und spendet sich zwi-
schen Himmel und Tiese. Aber die Menschen sind zu hossärtig, um von ihr
zu wissen, und wir wollen uns dessen sreuen."

„Ob sie uns gegen die Schlanken hüls, wenn wir sie sragen?"

Der Zwerg schüttelte den Kops. „Ein Kind sät sie von Spanne zu Spanne
unter die, welche ihrer Hossnung sind. Das kündet den Irdischen von God,
aus dem ihr Atem ward."

Der Moorkerl murrte böse. Die Tkacht war voll Klagen lauschender Un-
holde, blaß suhren die Wolken vor dem Mond entlang und tanzten im Wind.
Der Moorkerl hatte sich Liefer in den Schlamm geborgen, aber seine Augcn
glühten nach dem Zwergalten hinüber. „Wie erkennst du das Kind?"
sragte er.

„Sie sagen, es wird den Stab zum Segnen sinden."

„Wann kommt das Kind?"

Da klang es wie ein Iammer aus des Zwergalken Brust. „Sieh, das ist cs,
was mich oft entsetzt. Zuweilen dünkt mich, seine Zeit sei nah, und der Stab
in der Tiefe rührte sich in einer sremden Hand. Darum wachen wir ja an
allen Höhlen, um zu wissen, wann das Kind durch die Tiefe gcht."

Der kleine Findelknabe hatte sich aufgerichtet. Er war ein armer Iunge, der
wcnig von der Welt gesehen hakke, aber als er vom Stab zum Segnen hörte,
häkte er ihn gar zu gern gehabt. Bittend reckte er die Hände aus. „Zeigt mir
den Weg," rief er den beiden Wilden zu, „ich will danach suchen!"

Der Zwerg und der Moorkerl hatten sich im ersten Augenblick niedergeduckt,
so erschrockeu waren sie über die Stimme am Fenster. Dann sahen sie, daß
es ein armer Hüteknabe war, der da saß, und sie fingen an zu lachen, immer
dnmpser, immer Lieser, es konnte einem unheimlich werden.

„Was gehört denn dazu, nach unken zu steigen?" sragke der Iunge nnbeirrt.
„Mut, Liebe und Glauben!" lachte der Zwerg. „Mehr nicht!"

„Mut hab' rch gewiß, zeigt mir den Weg!"

Die beiden lachten blökend. „Sag', wo deine Liebe beginnt", fragke dcr Zwerg.
„In meiner Mutter!" antwortete der Findelknabe sehnsüchtig und saltete
die Hände.
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