Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

Page: 340
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ungemein werkvoller krltischer Ark bei-
kragen. Er spürt nach beiden Seiten
hin jede Entgleisung und Erschleichung
des strauchelnden Denkens aus, das allzu
srüh die beiden Älste des Eesamtsinnes
zusammenbiegen möchte, statt durch gleich
mächtiges Wachstum beider (um in die-
sem Bild zu bleiben) die ursprünglich
schöpferischen Kräste innerlich zum Schei-
telpunkt zu steigern. Dem entspricht,
daß er in seinen Werken der Natur-
und der Geschichtswissenschast überall den
Kampf ansagt, wo sie in rativnaler
Überhebung schon aus eigener Kraft sich
diesem Ziele anzunähern glaubt. Ja, er
übersteigert die berechtigte Kritik gewis-
sermaßen bis zu dem Extrem einer po-
laren Auseinanderspannung wissenschast-
lich-rationaler Sinnentleerung und jen-
seitig-religiöser Sinnerfüllung. Das syn-
thetische Bedürsnis unserer Zeit ist viel
zu stark, als daß es svlchem Machtspruch
weichen würde, aber allen seinen noch
nicht ausgereiften Lösungen wird solche
skeptische Besonnenheit und Kritik nur
zugute kommen.

Reisners weiterer Weg wird notwen-
digerweise sich auf der religiösen Posi-
tion noch stärker nähern müssen und es
ist naturgemäß, daß er hierbei auf ihre
reinste, swengste, konsequenteste Auöprä-
gung stößt, wie sie sich inKarlBarths
Dheologie verkörpert. Noch einmal dient
ihm hier diese Begegnung zur Verdeut-
lichung des sündigen „Wahrheitserkennt-
niswahnes" aller Wertphilosophie, wie
überhaupt die Reisncrsche Einstellung sich
sehr richtig als „die negative oder radi-
kal protestantische Philosophie" erkcnnt,
als „die dem Diesseitigen" (d. h. dem
Nichts, dem Tode) „zugewandte Seite
des religiösen Geistes". Sie ist die phi-
losophische Kehrseite zu der religiösen
oder theologischen Haltung Karl Barths,
einschließlich des kritischen Selbstbewußt-
seinö ihrer eigenen Gefahren (im Pa-
thos des Negativen).

So darf man gespannt sein, ob das
theologische Lager seinerseits in diesem
neuen Denker einen wertvollen Verbün-
öeten begrüßt. Aus ihrer Auseinander-
setzung wie Zusammenarbeit lassen sich
in philosophischer wie religiöser Hinsicht
fruchtbare Ergebnisse erwarten.

Manfred Schröter

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Die Gteckenpferdreiter

ine Zcitschrift veranstaltete vor eini-
ger Zeit eine Rundfrage an namhafte
Persönlichkeiten Münchens, in der diese
um positive Hinweise gebeten wurden,
wie dem drohenden kulturellen Nieder-
gang der Stadt abzuhelfen sei. Bemer-
kenswert war, wie zunächst diese Frage
von sehr vielen Einsendern, die da mit
kompakten Borschlägen zur Rettung der
Stadt auftraten, in ihrer Tragweite
überhaupt nicht erfaßt wurde. Was vom
Verlag der Zeitschrift als ein Alarm-
signal für den drohenden kulturellen Ab-
stieg MünchenS gemeint war, hielten
nicht wenige für die Startglocke, die
ihren diversen Steckenpferden das Zei-
chen zum LoSrenncn geben sollte. Zwar
erwiesen sich nur wenige so abgedichtet
in ihrer Privatmanie, wie jene biedere
Dorständiu der Hausfrauen, die, um ihre
Meinung über Münchens kulturelle
AufstiegSmöglichkeiten befragt, ganz
einfach das Sprüchlein losließ, daö
sie wahrscheinlich auf jede beliebige
Frage losgelassen hätte: „Die gute, ge-
diegene Haussrau weiß sehr wohl, daß
schlichte Einfachheit und geschmackvolle
Zusammenstellung von Farben und Ge-
weben vornehm wirkeu, während ein
allzukurzer Rock oder Ärmel, ein zu tie-
fer Ausschnitt und allzu grelle Farben
das Gegenteil erzielen." Die Mehrzahl
der übrigen Einsender begnügte sich da-
mit, die leuchtenden Möglichkeitcn, die
ihrem Glauben nach in ihrem jeweiligen
Ärbeits- oder Jnteressengebiet liegcn, vor
einem um Münchens Untergang besorg-
ten Publikum möglichst verlockend aus-
zubreiten; da rät einer zur Schasfung
ciner Münchener Damenmode, ein Va-
rietedirektor erhosft sich das Wesentliche
von einer Verlängeruug der Polizei-
stunde, ein Geisterseher erblickt das ge-
rettete München bereitö als kommende
Hochburg des Okkultismus und ein orts-
ansässiger Schriftsteller versprichr sich
manches von einem Dichterpreis, für
den er sich ergebenst empfohlen hält. Zwei-
felloö: Wäre auch noch ein Fabrikant
von künstlichen Feuerzeugen konsulticrt
worden, so hätte er bestimmt Mün-
chens Aufstieg von einem vermehrten
Gebrauch von Benzinfeuerzeugen er-
wartet.

Hat man sich durch die /so Beiiräge
des Hefteö geduldig hindurchgelesen, so
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