Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

Seite: 341
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tvird einem plötzlich klar, daß zwischen
diesem Überaufgebot von Männern mil
erlösenden Einsällen, kurz: von „Net-
tern", nnd der zu beschwörenden Gesahr,
eben dem kulturellen Abstieg Münchens
eine gesetzmäßige Beziehung obwaltet:
die Zahl der glücklichen Besitzer von all-
heilenden Rezepten ist zu groß, — denen
ihr rettendes Wissen die sreudige Mög-
lichkeit raubt, die sachliche und aügen-
blickliche Arbeit zu tun, die nottut; und
stünden nicht unter anderem die wahr-
hast versöhnenden Worte eines Schwa-
binger Studicnprofessors in dem Heft,
der, ein Rettungsunlustiger unter Hilss-
beslissenen, zur Sachlichkeit und zur Be-
scheidenheit ausruft, so sähe man sich
zu dem Paradoxon genötigt, daß nur da
Hilse zu erwarten sei, wo keine Rettung
mehr ist. Dieses Fähnlein der Ho Not-
helser — ist es nicht ein tressliches Syrm
bol für jene über ganz Europa verstreu-
ten Gremien von Wissenden, die seit
nahezu 10 Jahren dabei sind, eine cms
den Fugen gegangene Welt einzurenken,
— jeder zweite unfähsg, den' Notstand
dieser Welt auch nur in der Phantasie
zu erfassen, aber trotz allem bis in
die Fingerspitzen durchdrungen von der
Krast seiner rettenden Psijse? Gelänge
heute einem Zauberkünstler, die ins Wan-
ken geratcne europäische Welt mit eiriem
Schlage wieder ins Lot zu bringen, —
es müßte einem wahrlich bange werden
vor der dann beschästigungslosen und
leerlaufenden Energiemasse jener Allzu-
vielen, die sich am liebsten in Unter-
gängen deS Abendlandes und engerer
Bezirke entsaltet.

Scheint nicht der Hamlet-Typ vom Erd-
boden verschwunden zu sein, den es in
einem Gesühle eigener Unzulänglichkeit
vor der großen Aufgabe schauderte, die
auf seine Seele gelegt war? Schon
stehen Hunderttausende an allen europäi-
schen Straßenecken bereit, einzugreifen

und auf der Brandstätte ihr Privatrezept
in praxi auszuprobieren. Ruft sie aus zu
gemeinsamer Arbeit am Bau einer auch
nur erträglichen Weltordnung, und sie
werden, ach, aus eurer Beschwörung
nur daS Stichwort heraushören, ihr Stek-
kenpserd aus breiterer Sphäre traben
zu lassen. Gelänge es dann doch, den
Rede- und Heilungsdrang der Tatsüchti-
gen in die Spalten eines Journals abzu-
sangen und den Bereich der sachlichen
Arbeit denen freizuhalten, denen das
Wort schwer vom Munde, aber die
Tat unbekümmerter von der Hand geht,
— man möchte nach dem Münchener
Muster flugs eine solche Enquete be-
sürworten: dann erwachten eines schönen
Tages die „Retter" über einer in der
Stille geretteten Welt.

^sngratuS

Au unferemAuffahüberLandfchafts-
betracktung im ^zuuihefr

Rudolf Borchardts neuestes editorisches
Werk „Der Deutsche in der Landschast",
auf welches der hier vor kurzem publi-
zierte Aufsatz „Die Landschaftsbetrach-
tung im klassischen Deutschland" hinge-
wiesen hat, ist inzwischen im Berlag
der Bremer Presse (München) erschie-
nen und verdient als umsassende und
mit hohem geistigen und historischen Takt
geordnete Sammlung allgemeinstes Jn-
teresse. Das Buch enthält rund siebzig
prachtvolte und meist unbekannte Einzel-
darstellungen von der Hand reisender
deutscher Forscher, Dichter und Denker
des Jahrhunderts 1760 bis 18^0, öie
sämtlich die schöne Länderwelt, die sie
schildern und erkunden, mit der Ergris-
senheit des Erlebnisses anschaulich machen
Ein wissens- und geistesgeschichtliches
Nachwort des Herausgebers und ein bio-
graphischer Jndex erleichtern dem Leser
die sachliche Orientierung.

Zu unseren Bilbern nnd N^oten

äthe Kollwitz, geboren 6. Juli
1667, eine beginnende Sechzigerin,
die als Dreißigjährige schon bekannt und
bald berühmt geworden: getragen von
der realistischen Einstellung der gleichzei-
tigen Literatur und Kunst mit ihrem
stark sozialen Einschlag. Heute geht es

um eine wesentlich andere Form, das
Geistige ist ruhiger, mehr nach innen ge-
kehrt. Was an den besten Blättern die-
ser vielseitigen Schwarzweißkünstlerin im-
mer noch packt, ist das innerliche Mit-
schwingen einer tief ergrissenen, edlen
Seele, deren erschütterndes Pathos im

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