Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Künstlern hat es vor allem des Johannes
beseligte Hingabe angetan, der edle Gegen-
satz zwlschen der Mannhaftigkeit Christi
und dem jünglinghaften Äpostel. Der Herr
erscheint hier nicht als Gott nnd Welt-
richter, vielmehr als ideale Güte von
ergreifender Schlichtheit, die sich auch
dem Gewand mitteilt und die Weichheit
aller Formen bestimmt. Es ist nicht die
äußere Schönheit französischer Art, son-
dern die ganz innerliche deutsche See-
lenschönheit, die sich in den beiden aus-
spricht. Der Herr läßt es mit sich ge-
schehen, daß er geliebt wird; ja noch
mehr, voll leiser, rührender Gebärde sagt
es dem Johannes seine aufgelegte Linke,
die hingegebene Rechte, das zugewandte
Haupt. Wie scheu hält sich Johannes
zurück, obwohl er fast entschlummert
scheint, und doch wiederum so ganz ver-
rrauend, geborgen, beglückt! Das Ver-
weilen der menschlichen Seele bei Gott
wird hier nicht jauchzend oder verzückt,
wird kindlich vertrauend gegeben — eine
rührende Einladung für den fromnien
Betrachter, sich ebenso an das Herz Got-
tes zu legen. I. P.

^imter den mancherlei Einsendungen
^von Musikstücken, um deren 2luf-
nahme in unseren Kunstwart im letzten
Jahre gebeten wurde, befanden sich auch
einige Lieder von Ferdinanö Köhne in
Frankfurt a. M., die meist noch unver-
kennbare Spuren der Anfängerschaft tru-
gen, aber unzweifelhaft Begabung ver-
rieten. „Ein Leichenbegängnis" erschien
mir, wegen seiner inneren Geschlossenheit
und seiner stimmungövollen Äusdeutung
der Dichterworte, sogar des Abdrucks
wert, besonders im Hinblick darauf, daß
die Veröffentlichung den bisher völlig un-
bekannten Tonsetzer anspornen und ihm

vielleicht auch Beachtung verschasfen könn-
te. Jch erfuhr >dann von ihm, daß er
am 21. Dezember i8gZ in Frankfurt
a. M. geboren ist und nur in früher Ju-
gend Musikunterricht erhalten hat, da sein
Bater, ein Postbeamter, ihm vor der Zeit
durch den Tod entrissen wurde. Er selbst
war genötigt, die untere Postlaufbahn
einzuschlagen, und hat jeden freien Augen-
blick benutzt, um sich in der Musik, be-
sonders im Violinspiel zu vervollkomm-
nen. Gleich bei Begi'nn des Weltkriegs
zog er ins Feld; 1916 wurde er bei Der-
dun sehr schwer verwundet. Jm Lazarett
wurde ein Organist auf seine musika-
lischen Fähl'gkeiten aufmerksam und riet
ihm dringend, sie weiter auSzubilden. Dies
tat er denn auch, soweit es ihm seine
Verhältnisse erlaubten. Als er dann wie-
der den Äienst eines Postunterbeamten
übernehmen konnte, blieb ihm nicht mehr
Zeit, auch noch den Kontrapunkt zu er-
lernen und seine Kenntnisse der Harmonie-
lehre zu vertiefen, zumal er sich auch aufs
Klavierspiel geworfen hatte. Jm Jahre
1926 hatte er das Unglück, durch einen
Sturz bei Glatteis sein lahmes Bein zu
brechen; er benutzte die Zeit seineü Kran-
kenlagers dazu, wieder theoretische Stu-
dien zu treiben. Er hat sich außer an Lie-
dern auch an einem Streich-Trio und
Quartett versucht. Aber solange er ge-
zwungen ist, sein karges Brot im Post-
dienst zu erwerben, wir es ihm nicht mög-
lich sein, sich eingehend musikalisch zu be-
tätigen. Vielleicht ermöglicht ihm ein Oön-
ner, schon bald seine Pensionierung ni ch-
zusuchen, und gibt ihm einen kleinen Zu-
schuß, damit er nicht alltäglich als Gei-
ger in eincin Kino odec Kaffeehaus sich
abzumühen braucht. Aber Mäzene sind m
unserem armen Vaterlande mit der Lupe
zu suchen. W. A.

Derlag von Ge org D-W. Callwey,Druck von Kastner L Callwey in München. — Berantwortlich:
Dr. Hermann Rinn, München. In Österreich verantwortlich: Paul Sonnenfeld, Wien I, Fleischrnarkt i8. —
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Paul Sonnenfeld, I, Fleischmarkt 18.

Sendungen für den Tert nur nach vorheriger Dereinbarung, da sonst keine Verantwortung übernommen werden
kann, an den Kunstwart-Verlag Georg D. W. Callwey in München Finkenstraße 2.
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