Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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verschiedene Geschehmsse, leHken Endes geschieden durch VergangenheiL und
ZukunfL.

Es isL nun TaLsache, daß die VAker und SLaaLen auch des christlichen
Abendlandes die Ehe fast völlig „säkularisierL", verwelLlichL haben: sie
haben sie der Familien- oder gar Sippenordnung unLerworfen, haben sie aus-
schließlich als Urzelle der Familie und Zwischenglied der GeschlcchLer-
folge behandelL und der SiLLe und dem RechL dieser Ordnungen unkergeordneL.
Zn der llkeuzeik endlich, unker der HerrschafL des individualistischen NnLnr-
rechkes und seiner Willenslehre, wurde die Ehe zwar vom Skaak aus der
Sippen- und Volksordnung herausgelöst und verselbständigk, aber zugleich
der Akomisierung nnd rakionalen „WergesellschafLung" preisgegeben: d. h. sie
wurde auf den freien VerLrag zweier gleicher WillensparL-
ner gestellk, in derselben ArL wie das WirLschafksleben auch. IkaLurrechLslehre
und Skaak waren dergestalk am Werk, längst ehe diese individualistisch-raLio-
nalistische Auffassung auch ins Volk drang und dork schließlich zu der konsc-
qucnken Forderung führke, die Ehe, die auf einem VerLragswillen beruhke, auch
wieder krafL bloßen Willens der BeLeiligLen lösen zu lassen. Eine Auffas-
sung, die — Lypisch individualistisch-aufklärerisch — aus der geschichklichen Or-
ganik ausgebrochen ist, ohne dafür die KaLegorie des Religiösen zu finden. Der
prakLischen Konsequenz diefer Auffasfung, seines eigenen RechLs- und SkaaLs-
geistes, hak sich der moderne SkaaL bisher nur im Hinblick aufdie destruk-
Liven Folgen für die Familie widersehk, nichk aber ans höherer Ein-
sichk. Das Allgemeine LandrechL Friedrichs d. Gr. sagk von der Ehe: K i:
„Der HaupLzweck der Ehe ist die Erzeugung und Erziehung der Kinder."
H 2: „Auch zur wechselseikigen IlnLerstüHung allein kann eine gülkige Ehe
abgeschlossen werden." Hier finden die beiden Formen der „Säkularisierung"
der Ehe, die miLLelalLerlich-volkhafke und die modern-individualistische, ihren
zeiLenLsprechendcn Ausdruck: Ehe als Grundform der Familie; nnd
Ehe als rakionale verkragsmäßige Zweckverbindung zu wech-
selseitiger UnLerstüHung. Diese individualistische Dcrselbständignng der Ehe
isolierke sie zugleich und machke sie sowohl machklos und unfruchLbar gegen-
über der Auflösung der geschichklichen Familienordnung, wie halLlos gegen-
über der subjektiven Willkür, der sie in dieser individualistischcn AuLonomie
ausgeseHL war.

II.

Die Kreise der alten Familienordnung und der einerseiks in sie verschlungenen,
andererseiks individualistisch gewordenen Ehe ist an dem Jndustrie-ProleLariak,
dem ersten und äußersten ProdukL der volklichen Enkformung Europas, osfen-
kundig geworden. Aber die Ilrsache ist nichk im Prolekariak selbst, ekwa in
der „sozialistischen Irrlehre" und in der „Auflösung der christlichen Moral"
innerhalb der ArbeiLerschafL zu fuchen, wenn auch die sozialistische SpielacL
der Aufklärung die Auflösung beschleunigk. Vielmehr ist das ProleLariaL we-
sentlich das Pr 0 dukL eines säkularen Auflösungsprozesses und cines allgemei-
nen „gesellschafklichen Sündenfalles", der längst da war, ehe es ProleLariaL
und Sozialismus gab.

In der mitLelalkerlichen Volksordnung war die Familie vor allem Pr 0 duk -
Lionszelle und als solche llrzelle des Volkes. Die Arbeit geschah

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