Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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er da stehe und sre leicht mit frohen Händen emporhalke, wie sie sich scheu in
ihm hebk.

IHchk die himmlische Hoffnung, nichk die Ausschau auf die ewige Vervoll-
kommnung, auf VernunfkreichszukünfLe gibk dem Leben die Weihe. Ades
JeHk muß sie haben, der Augenblick; das welkweike Jetzk, das sich von keiner
Zukunfk enklehnk, der Augenblick; in dem die Welk akmek, die ihren Akem nichk
aussehen kann. Wenn wir den Allkag nichk weihen können, das JeHk, so wer-
den alle himmlifchen Heerfcharen, alle Zukunfkshoffmmgen und -fürchke das
Leben nichk weihen. Erft wenn du an jedes ZeHk glaubft, zu glauben vermagfk,
glauben willst und es erfüllfk, beginnst du zu leben. Das von der ganzen
Schwere der Welk befchwerke JeHk, die befchwerke Skunde. Nichk, damik du
„in den Himmel kommfk"; nichk, danrik du dich „enkwickelst" — sondern weil
das so ist, weil das das Leben ifk. — Wenn du einen „Sinn" willfk: daß du
lebfk, daß du da ftehfk, das ifk der Sinn. So wie es ist, ist der Sinn. Der
Menfch ifk immer am Ziel und er ist es niemals.

Die Welt wurde unermeßlich mik der ErkennLnis, der Verstand dehnke sie
mik Mikroskop und Teleskop, er dehnke sie zeiklich mik seinen Rechnungen, sie
ging katastrophenartig in die unmenfchlichen, menfchlich nichk mehr bewälkig-
baren Dimensionen; vielleichk war all das rein mechanifkifche Fassen der „gan-
zen" Welk und des „ganzen" Mcnfchen ein Sichwehren gegen die immens
gewordene Wclk in einem AusseHen, in einem Versagen, in einer Befkürzkheik
des Gefühls — bei dem aus seinen Maßen gegangenen Menfchen, der seine
Welk nichk mehr erreichen konnke, und dem eine Welk nun ausrechenbar sein
sollke. Daß wir vor jenem Rechnen ungläubig zu werdeu beginueu, ifk viel-
leichk ein Zeichen dasür, daß der Menfch sich wieder faßk, sich einer Welk
wieder näherk, eine Welk fühlen will, und mik ihr leben will.

Der Menfch höre die Predigk dieses Leben und Seele durchwalkeken Alls,
in dem die Sonnenwelken sterben, wie die Fliege fkirbk nnd wie der Menfch
ftirbk, und in dem sie aufgehen wie der Menfch und wie jedes Gewürm. Noch
einmal: dorkhin wende sich der Wirklichkeikssinn. — Des Alls, das uns be-
denken lehrk, daß alles fkirbk. Er nehme es ins Bluk, daß jedes Sonnensyfkem,
ein jedes Planetenreich zusammenfkürzen, vergehen muß. Dies fchaue der
Menfch an und lebe damik, daß nnsere Welk, daß all das, was wir unsere Ar-
beik, unsere Kulkur nennen, dem Aufflammen enkgegengehk, daß der Todes-
faden eingewebk ifk in jegliche Gestalkung. Wir sind die, die sterben werdcn, was
fkerben heißk, wissen wir nichk. llnser Sonnenreich ist die Welk, die sterbeu
wird — was fkerben heißk, wissen wir nichk. Vielleichk stirbk das All — was
das heißk, wissen wir nichk. Die Gefchichke sagk uns, daß jede jeweilige Kul-
tur, die wir hervorbringen, jedes, was wir Blüke nennen, von irgendwelchem
Barbarismus zerkreken wird und fkirbk; über jedes Gefchaffene gehen die Mon-
golen oder die Pefk, oder es legk sich ein böses Gespinfk darüber wie die fahle
InkellekkwelL. Es geziemk nichk, dies hinzufchieben und abzuweisen. Dahin
wende sich der Wirklichkeikssinn. Der Menfch soll sich fühlen und wifsen
als den, der fkirbk und dessen Welk fkirbk — aber er soll sich füllen daran
und sich nichk daran leeren. Wir leben mik unserer Erde als der dauerndeu '—
sie muß die dauernde für uns sein, sie muß auch die vergehende für uns sein.
Dies anschauen eben als die, die sich daran erfüllen und nichk daran
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