Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Erde geworden. EpigonenLum isi selbsi nichi mehr GeschiohLe. Denn es
gibL kein Bewahren als im Nruschafsen. Auch die Mumie muß schließlich
verfalleu. 2llles GeschichLliche enksiehL Lrotz der GeschichLe, unbekümmerL um
die GeschichLe als WissenschasL. Es LrägL die GeschichLe in seinem BluL. Was
soll es danach fragen? Wer Geschichte wissenschasLlich „objekLiv" erforschk,
isi nichk mehr fähig, GeschichLe zu schajfen. GoeLhe hak bekannLlich nur die
GeschichLe gelken lassen, die „Begeisierung" erregL. Aber isi das genug? SollLe
man nichL von der GeschichLe verlangen, daß sie neues Leben, das heißk Ge-
schichie, erzeuge? Dazu aber muß sie noLwendig individuell sein. Sie kann
nichL ein großes Reservoir bilden, aus dem jedermann nur zu schöpfen brauchL,
keine allgemeine Schrifk, die jedermann, der buchstabieren gelernL haL, ab-
lesen kann. Sondern wie die PersönlichkeiL ihre eigene GeschichLe haL, wird
auch die Welkgeschichke vou der PersönlichkeiL erlebL sein, zwar von unan-
greifbarer Höhe aus gesehen, aber doch von einer einzigen schöpferisch er-
rungenen Höhe aus.

2ln dieser Skelle enkbrennL der Kampf zweier Zeiken, wie er vorweg in
RcieHsche ausgekämpfL ist: zwischen der Wissenschafk, die an die ObjekLiviLäL
des Geisles glaubk, und der schöpferischen WelkgestalLung, die Maß und Ge-
setz in der Rangordnung der Schaffenden findeL. Zm Grunde ist dieser SkreiL
ein Ringen mythischer GewalLen, in dem bald beide Mächke sich versöhncud
durchdringen, wie es zuvor angedeuLeL wurde, schließlich aber die eine Machk
unterliegen wird. 2luf allen Gebieken hat dieser Kampf begonnen. Eine
andere WahrheiL ist die WahrheiL der WissenschafL, eine andere die der Kunst.
Hier wird das Blühen der Blumen, das Wehen des Windcs, das Tosen
des Meeres symbolhafL empfunden und erlebL, dorL wird die NüLurerschei-
nung verstandesmäßig abgeleikeL. Die Überzeugung, daß die logische Kom-
bination der WissenschafL objektiver und Liefer sei als die des Mykhos, der
Kunst beginnL mehr und mehr zu schwinden. Beide Welkauffassungen sind in
gleicher Weise ankhropomorphisch. Nur für verschiedene GebieLe der Seele
gelken sie; die WissenschafL für den Berstand, die Kunst für die Sphäre
des Gemütes (für die Phantasie). Die ErkennLnisse der Wissenschafk ge-
schehen auf einer anderen Lage des BewußLseins als die ErkennLnisse der
Kunst. In der Wissenschaft ist das Bewußksein an und für sich käkig, es
läßk sich auf alle JnhalLe überkragen. Zn der Kunst aber wird eine innere
WelL bewußk, das heißL offenbar, der Jnhalt steigk erst miL der Form herauf.
Der Glaube an die logische Form und der Glaube an die künstlerische, das
heißk an die lebendige Form LreLen sich gegenüber, die Religion der alken und
die der neuen Zeik. GoeLhe (wie auch Hegel) wollke hier vermiLLeln, er war
auch hierin konzilianL, und bemühke sich, beide Ideen, beide MyLhen zu ver-
söhnen, aber so, daß er die GeschichLe beseelke, myLhisierke. Das Gestein, das
Gewölk, die Pflanze und das Tier verwandelten sich ihm in GeschichLe, aller-
dings geformke, geprägke, typisierke GeschichLe, aber doch GeschichLe. Die
höchsten Versuche seit ihm (Niehsche ausgenommen) bcwegen sich auf dieser
Linie der beseelken Reflexion, der auch Goethes ganze späkere Poesie gewidmek
war. 2luch die moderne Lyrik zum Beispiel seik Hölderlin ist fast nur beseelte
Reflepion. Ilnd doch ist es möglich, die Dinge anders anzuschauen: die Wol-
ken, die Blumen, ja die GeschichLe selbst als zei'Llose GegenwarL.

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