Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

Seite: 377
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Die vergehende große Zeitepoche — seit Platon und Aristokeles — glaubte
an die Realität, an die Ewigkeit des Geistes. Sie sah die Dinge logisch ge-
ordnet im Raum, die Welt durchleuchtet von einem Geiste, das heißt Gotk.
Sie legte einen logischen QuerschniLL durch die Welt und dieser Querschuikk
war ihr das Grundschema aller Dinge. Die Zeit war Funktion dieses Rau-
mes — so noch bei Kant, ja bei Hegel, dem die Geschichte zum Denkprozeß des
Geistes (Gottes) wird, ja sogar bei Goethe. Statt der logischen Kategorien
der Substanz und der Akzidenz, der Wechselbeziehung, LriLL nur mehr die
logische Kausalität hervor. So auch bei Goekhe — denn auch ihm ist die
Wolke, das Gestein nicht Bild, sondern Geschichte, das heißk Ursache und
Folge (wenn auch beseelt). Die Zeik ist das Liefste Dogma geworden im neun-
zehnten Jahrhundert und sie bezeichnet gegenwärtig noch — so bei Bergson
— die leHte Phase der Entwicklung. RkieHsche allein ahnt zuerst in seinem
„Ring der Ringe" eine neue Ewigkeit (wie er überhaupk als erster und ein-
ziger wieder über Sokrates-Platon zurückgreist und an die griechische Klassik:
dic Tragödie und die Vorsokratiker anknüpft).

Diese neue Form statt der rein geistigen, logischen, ist die künstlerische, die
schöpferische. Das Bild dieser Ewigkeit wird deutlich an einem Kunstwerk,
an einer Tragödie zum Beispiel. Denn auch in der Tragödie ist ein Geschehen,
ein Nmcheinander, eine Folge, Erlebnis und Geschichte. Es fließk und doch
verfließt es nie, es wird gehalten von der Form. Es bleibt, es kann sich
immer wiederholen. Es verändert sich und verändert sich nicht. Das Ent-
scheidende ist nichk, daß es wird, sondern daß es is L.

Weim jene alte Weltanschauung, auch noch als Geschichte, die Welt zu ver-
neinen, aufzulösen strebk in den Geist, der seit Platon jenseitig ist, hinter der
Welt, strebt die kommende die Welt tragisch zu bejahen — auch in ihrem
Furchtbaren, auch in ihrer Geschichte. Der Tag läßk auch der Rkacht ihr
Recht widerfahren. Er weiß, daß er sich nur an ihr entzündek.

Lose BlätLer

Ileue Gedichte von Hans Böhm

Schmerz

Bist du noch wo auf der Welk, irre Seele?

Hauche dann tröstend mich an, Schmerzen lösend,

Denn deines Lebens schwere Last
Trag ich mit Weh durch meine Tage.

Sehnlich, ach, möchk ich euch schauen, stille Augen.

Strahlck ihr wieder im Glanz alter Tage?

Blickt ihr nur trüb und hoffnungslos
Schweigend den unsühnbaren Vorwurf?

Einmal dies Leben von vorn — würd es anders?

Milderer, wissender Geist — könnt er retten?

Jn immer neu gestählker Fessel
Blutet der dunkle Gotk der Erde.

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