Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

Page: 406
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart40_2/0467
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Sü'l enkwickelt, der durchaus nicht völlig
neu ist (Mozarts Orgelrollen, aber auch
andere Kompositionen aus vorklassischer
und klassischer Zeit, manches aus derZeit
der virtuosen Klaviertechnik, endlich Jazz-
musik, vor allem als gesungene Neger-
chöre), aber erst heute als solcher erfaßt,
bejaht urzd entwickelt wird. Man wird zu
gelegener Zeit ausführlicher auf dies
interessante und wichtige Kapitel zuruck-
kommen müssen.

Bierteltonmusik. Eine Reihe von
Borführungen auf dem Vierteltonflügel
und anderen Jnstrumenten schien klar ein
Zweifaches zu beweisenr daß eine Viertel-
tonmusik an sich durchaus möglich ist,
aber auch, daß kaum ein bedeutender
Komponist aus innerer Notwendigkeit
diese Erweiterung der Ausdrucksmittel er-
greift. Wer vom Mertelton eine weitere
Differenzierung, Entartung der Musik
befürchtet, wird sich beruhigen können.
Nicht die Dekadenten haben sich diese
Musik geschaffen, sondern einige nicht un-
begabte, aber recht gesund-massive, eher
primitive Spezialisten.

Kirchenmusik. Von den verschiede-
nen Werken für Kirchenmusik erwartete
man sich viel, weil die Kirchenmusik jener
Tendenz der Zeit entgegenzukommen
scheint, welche die Musik aus der Über-
spannung ihrer Beziehungslosigkeit be-
freien und wieder dem Dienst, der Bin-
dung zuführen will. So betrachtet waren
sie eine Enttäuschung: es gibt auch heute
noch keine ausgereifte gute moderne Kir-
chenmusik. Auf katholischer Seite zeig-
ten sich immerhin hoffnungsvolle An-
sätze: es seien Philipps-KarlSruhe, vor
allem aber der junge Kölner Lemacher
genannt. Dagegen wird in allen Kon-
fessionen viel getan, um verlorenge-
gangene alte Kirchen- und geistliche Mu-
sik zu neuem Leben zu erwecken. Man
vermißte auf katholischer Seite eine gute
Darstellung der gregorianischenMusik, bei
beiden christlichen Konfessionen eme Dar-
stellung der Reformarbeit am einstimmi-
gen deutschen Kirchenlied. Die Ausfüh-
renden standen auch hier auf beträchü-
lichem Niveau.

Jnternationale Gastspiele.
Die Orchestergastspiele zeigten, daß un-
sere deutschen Orchester alle vom Pariser
Conservatoire-Orchester zu lernen haben.
Die klassizistische französische Traditi'on,
in der Produktion aufgegeben, hat sich
in die Ausführung gerettet. Das Orche-

^06

ster ist den unserigen im Klanglichen und
in der lebendigsten, differenziertesten
Exaktheit überlegen. Unsere Chöre dage-
gen sollten nach Osten blicken: was man
von slavischen Chören hörte, ließ auf ein
beneidenswertes Niveau schließen. Java
zeigte Tänze und sein Gamelanorchester,
dessen auf primitiver Basis erstaunlich
dijferenzierte Musik uns viel weniger
fremd erscheint als noch unserer Dätcr-
generation. DaS enkzückende „Teatro dei
piccoli" aus Rom machte sehr nachdenklich.
Hier wären vor allem für die Ästhetik der
Oper starke Anregungen zu holen.
Jugend-undVolksmusik. Einer
eingehenderen Behandlung dieses Kapi-
tels soll hier nicht vorgegriffen werden.
Es sei nur erwähnt, daß in einer vom
Zentralinstitut für Erziehung und Un°
terricht veranstalteten Tagung die ver-
schiedenen Richtungen der Jugendmusik-
bewegung (vor allem Finkensteiner-Bund
und Musikantengilde) Gelegenheit hatten,
sich in Wort und Leistung zu präsentieren
und sich miteinander und mit der zünf-j
tigen Musikpädagogik auseinanderzu-
setzen. Die Tagung, die noch unter dem
Eindruck der Baden-Badener Begegnung
mit der modernen Musik (Hindemith)
stand, brachte keine entscheidende Erkennt-
nis und keinen Stoß nach vorwärts,
hatte aber guteö Niveau.

Ausstellung und Sommer der Musik
haben viele Ausländer nach Frankfurt ge-
führt, darunter auch repräsentative Per-
sönlichkeiten. Die ganze Veranstaltung,
die sehr wohl die nationalen Unterschiede
klar erkennen ließ, hat zugleich die Existenz
eines gcmeineuropäischen musikalischen
Erbguts wieder deutlich erwiesen. Wenn
man auch nicht den Glauben der Fest»
redner teilen kann, die aus der Musik in
direkter Analogie zu ihrer „Harmonie"
ethische Kräfte in die Gegenwartspolitik
ausströmen zu sehen behaupteten, viel-
mehr eine solche llberspannung der musi-
kalischen Möglichkeiten als Perversion
ihres Wesens, in diesem Falle vielleicht
auch harmloser als offizielle Phrase be-
trachtet, so kann man doch hoffen, daß
die Besinnung auf unsere gemeineuropä-
ische musikalische Tradition ein wertvolles
Bindcmittel sein wird. Die Frankfurter
Deranstaltung mag in diesem Sinne ihre
außermusikalische Bedeutung haben.

Walter Dirks
loading ...