Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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UnLer den vielen Zengnissen glühenden
Jnteresses Europas für Amerika ragt
Erich Mendelssohns „Bilderbuch
eines Architekken" (Amerika, 77 Ta-
feln mik Tert auf 186 Seiten Großfolio,
Verlag R. Mosse, Berlin, M. 12.—)
weit hervor. Die wenigften von uns sind
gewohnt, Architektur als Symptom der
gesamten Kultur und Gesinnung eines
Landes aufzufassen, und das kann nicht
überraschen, denn die europäifche Archi-
tektur befteht zu einem großen Teil aus
Nachahmungen, Wiederholungen und ge-
wissermaßen gepantfchtem Wein, worauS
wir denn freilich seit längerem fchließen,
öaß unsre Gesinnung nicht auf das Echte
geht, nicht aber fchließen konnten, in wel-
cher positiven Richtung sie sich bewege.
Amerika hat den Mifch- und Nachahme-
Stil durch Jahrzehnte hindurch mitge-
macht, wie es denn überhaupt in mehr
als ciner Hinsicht eine Filiale des alten
Europa gewesen ift. Jn der jüngeren und
jüngften Zeit aber haben die Amerikaner
besonders durch den Bau der sog. Wol-
kenkratzer sich hingefunden zu einem ftar-
ken und eigentümlichen Monumentalftil,
der der neueften, technifch orientierten
Sachlichkeit europäifchen Bauens nahe
verwandt ift.

Zur rechten Zeit kommt nun ein hell-
ängiger, mit der photographlfchen
Kamera mcifterhaft oertrauter Ar-
chltekt, um uns diese Verselbftändigung
amerikanifchen Schaffens und Meinens
vor Augen zu führen. Geiftsprühende
Texte erläutern die Tafeln, auf denen sich
die alte und neue Baugesinnung AmerikaS
anfchaulich darftellt. So knapp dles alles
gefaßt ift, so überwältigend ift doch der
Eindruäk, den dieses Werk hervorbringt.
Auf Deutfchlands Künftlerfchaft hat es
in der kurzen Zeit seit seinem Erfchelnen
bereits nachhaltig eingewirkt, und in der
Tat läßt es wle kein zwoites die Linien
elner grandiosen Entwicklung erkennen,
die vielleicht nicht diejenige Europas sein
wird, aber als Gipfelung des Mechani-
sierungsprozesses unter allen Umftänden
leldenfchaftliche Aufmerksamkeit heraus-
fordert. Als Lösung fchwierigfter archi-
tektonifcher Probleme werden die grvßen
sachlichen Riesenbauten der Amerikaner zu
allen Zeiten die Achtung errlngen, die
Mendelssohn ihnen entgegenbringt und
den europäifchen Lesern aufzwlngt.

W. Sch.

»

-jo8

Albrecht Schaeffer. Des Apulejus
Goldener Esel Deutsch. Vor einigen
Jahren ließ Albr. Schaeffer eln Buch er-
fcheinen, in welchem er unter dem Titel
„Das Kleinod im Lvtos. Frei nach dem
englifchen The Light ofAsia or theGreat
Renunciation by Edwin Arnold" die
Buddha-Legende in Bersen erzählte. Sein
Derfahren, ein Werk fremder Zunge zum
geiftigen Besitz der Deutfchen zu machen,
war öamals das allerfreiefte und selbft-
herrlichfte, nämlich daS der Nachdichtung.
Die Gründe dafür lagen in dem Original
selbft: einem Text, wie Schaeffer wissen
ließ, der einen hohen Jnhalt allzuoft durch
die mattefte Darftellung gefährdete. Hier
mochte der Verdeutfcher einen Zwang,
es seinem Autor auch im Lahmgehen
gleichzutun, nicht anerkennen. Er fügte
also, wo es ihm an Lebcndigkeit, Fülle
und Wohllaut zu fehlen fchien, auS Eige-
nem so reichlich wie glücklich hinzu, und
am Ende war eine Dichtung entftanden,
die si'ch von ihrem Vorbild ebensoweit und
nicht weiter entfernt hatte, als jener Ed-
win Arnold vor seinem Ziel, ein Gedicht
zu machen, fteckengeblleben sein mochte.
Bei seiner Verdeutfchung von Apulejus'
Goldenem Esel, die Schaeffer jetzt vorlegt,
hat er ein gänzlich von jenem verfchiede-
nes Verfahren gewählt. Er habe, sagt
er in seiner „Notwendigen Vorbemer-
kung", seine Aufgabe in einer Nachbil-
dung der Form und Sprache gesehen,
die d em Original so getreu sein solle, wie
es die Verfchiedenheit der Sprachen nur
irgend erlauhte; habe vor allem sich hei-
lig gehütet, nicht ein Wort und nicht
eine Wendung aus Eigenem einzufügen,
ausgenommen gewisse Stellen, wo sach-
liche oder Sinnes-Unverftändlichkeit eino
Verdeutlichung geboten habe.

Und allerdings lag ihm dicsmal ein Text
vor, der einen Meifter der Sprache wohl
reizen konnte, sein Jnftrument mit dem
Unternehmen einer zugleich dichterifchen
und zugleich peinlich genauen Ubertra-
gung wieder ei'nmal zu prüfen, ihm am
Ende einige neue Gänge abzugewinnen.
Der Asinus Aureus des Apulejus ift ein
Stilwerk oberften Ranges, wenn auch
das Werk eines späten Stiles, der ebeuso
künftlich wie künftlerifch ift. Daß er eS
sei, wußten wohl nur die Wenigen, die
sich die saure Mühe, den höchft verzwick-
ten Text des lateinifchen Orlginals zu
lesen, nicht schon näch dem erften halben
Dutzend endloser Sätze wieder hatten
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