Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Kunstwart und Kulturwart — 27,2.1914

DOI issue:
Heft 7 (1. Januarheft 1917)
DOI article:
Avenarius, Ferdinand: Volk und Heer
DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.14288#0018

DWork-Logo
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
darin stimmen auch höchst konservative Männer zu, und so denkt wohl
auch der Kaiser, hat der Offizierstand eher zu viel Konzessionen gemacht:
vor allem in der materiellen Bereicherung der Lebensführung, im Luxus,
mit andern Worten: er zahlt dem modernen Kapitalismus einen hohen
Tribut. Er zahlt einen Tribut gerade dem Äbel der Zeit, und einen,
der wie jedes Bedürfnis nach Luxus nichts anderes bedeutet als eine
Abgabe an Freiheit, an Ilnabhängigkeit vom Gelde. Die Folgen davon,
wie die „sanierenden Heiraten", sind oft genug, hier auch wieder von
Miltitz, mit Ernst und Sorge besprochen worden; zu einer näheren Ver-
bindung mit dem ringenden Idealismus im deutschen Volk konnten
sie wirklich nicht führen. Den erhielten andre Bestrebungen wach, wer
den gebildeten deutschen Offizier für wissenschaft- und kunstfeindlich hält,
der kennt ihn eben nicht. Die Bestrebungen, die wir vertreten, haben
nicht nur Freunde, sondern verständnisvolle Förderer und Vorkämpfer
auch in seinen Kreisen. Aber häufiger und stärker geworden sind
solche Beziehungen zu außermilitärischem Geistesleben kaum, nicht nur in
Preußen, auch in Süddeutschland nicht; die Verbindungen für gemeinsame
Interessen, es seien denn vaterländische, zwischen Bürgertum und aktiven
Offizieren nehmen, so scheint es, eher ab als zu. Vielleicht läßt sich das
aus der Steigerung der soldatischen Arbeit erklären. „Zu meiner Zeit",
sagte mir einmal der General a. D., Maler und Poet von Reder, „war
das Offiziersein eine Beschäftigung, jetzt ist's ein Beruf." Ein Beruf,
der seinen Mann ganz will. Er hat auch keine Zeit mehr, sich privatim
mit all den Bewegungen der Zeit in Berührung, sich auf dem laufenden
zu halten, tritt er dann aus dem Dienst, so fühlt er sich entwurzelt, weil
er nur eine Wurzel hatte. Das sind Reders Meinungen, ich kann's
nicht beurteilen. Daß der ausscheidende Offizier auch abgesehen von
Erwerbsarbeit sich nützlich zu betätigen sucht, wie jetzt in der Iugendpflege,
das wissen wir ja alle. Sind aber die Iahrzehnte der Lockerung seines
Zusammenhangs Mit dem Bürgertum auch auf den nicht außergewöhnlich
elastischen Geist ohne dauernden Einfluß gewesen?

Wo es Besseres als Gewissenlosigkeit ist, da ist es Unüberlegtheit
oder Dummheit, was für die aktiven Offiziere eine Art Aufkomman-
dierung andrer Verhältnisse möglich hält. Einzelne Verordnungen
können und müssen ergehn, auch einschneidende, aber sie können nur
anbahnen, was für eine innerliche Besserung auch nur Vorbe-
dingung ist. Wir brauchen zwischen Volk und Offizier vor allem
wieder ein Miteinander des Lebens. Einen regeren und in-
timeren Verkehr, welcher auch den Durchschnittsoffizier mit dem geistigen
und sittlichen Leben seines Volkes in dauerndem Zusammenhang hält
und ihn lehrt, sich als gleich- aber nicht mehrwertiges Glied auch des
nicht-uniformierten Volkes zu fühlen. Der Offizier darf nicht „aufgehn"
im Heer. Dann aber: die Auffassung vom Dienstgeheimnis muß
irgendwie revidiert werden. Das Miteinander von Volk und tzeer leidet
unter dem Getuschel, Klatsch und Bierbankgeraun, die eine offene Aus-
sprache über Ungehörigkeiten unmöglich machen, hier verdecken, dort über-
treiben und immer die Wahrheit fälschen. Daß solche Revision unter heutigen
 
Annotationen