tisten hat sich tief in das musikalische Allgemeinbewußtsein eingeprägt.
Das ist auch der Punkt, wo die Operettenmusik mit dem Nationalen zu-
sammenhängt. Osfenbach hat die französische elmnLon und die nationale
60nt>i'6äan86 gepflegt; in die Weisen Suppss, Strauß', Millöckers klingt
das Steyrische, das Kärntner, vor allem das Wiener Volkslied hinein,
während Sullivan dem Typ des englischen Matrosentanzes seine Rhythmen
entnommen hat.
Was bei der Vorführung von Kunstwerken ernsteren Stiles ein be-
dauerlicher, aber schwer zu vermeidender Mißstand ist: daß man sie näin--
lich meist nur bruchstückweise in Volksunterhaltungen bieten kann, das
kommt der Operette gerade zustatten. Einen „Messias", einen „Waffen--
schmied" müßte man eigentlich immer ganz aufführen, aber es ist nicht
nötig, eine ganze „Fledermaus" zu geben. Die Frivolität der Hand-
lung kann ausgeschaltet, der Bühnenspaß umgangen und nur das einzelne
Musikstück als solches geboten werden, um es rein in der künstlerischen
Sphäre, der es seiner Natur nach angehört, zu zeigen. Das wahrhaft
Erfreuliche daran wird dann erst ungetrübt erscheinen. Der an solchen
Abenden übliche einleitende Vortrag hat ein Abriges zu tun, um die
Rnterhaltung sehr bestimmt von den banalen Vergnügungen der Operetten-
bühne zu scheiden, indem er aus das kulturelle Moment, auf die Per«
sönlichkeit des Komponisten und seine musikalische Persönlichkeit hinweist.
Beschränkt man sich dann, wie sich von selbst versteht, auf einige, wirklich
hervorragende Meister, so wird man auch aus dem heitersten Genre einen
Unterhaltungsstoff gewinnen, dessen sich kein Vorurteilsfreier zu schämen
hat, und der sehr woh! innerhalb der gedachten Bestrebungen einem
idealen Zwecke dienen kann. Manch treuherzige, sinnige Pointe übt da
ihre Wirkung, die Mittel der Lharakter- und Situationskomik werden
freudig aufgenommen werden, und wenn die Iünger der übermütigsten
aller Musen frohe Laune verbreiten, mit ihren Rhythmen das Blut in
Wallung bringen und uns herzhaft vom Druck der Alltäglichkeit besreien,
so haben sie auf ihre Weise die Aufgabe aller künstlerischen Darbietungen
erfüllt. Das Lachen ist auch dem Ethiker heilig und nicht die schlechteste
der Wirkungen. Deshalb wollen wir, unbeirrt von den Einwänden ängst-
licher Seelen und unduldsamer Kunstpuritaner, uns wohl hüten, die hei-
teren Gaben der künstlerisch wertvollen Opern-, Operetten- und Tanz-
musik von den Volksunterhaltungen grundsätzlich auszuschließen. Sie hat
ihren wohlberechtigten Platz, sie füllt eine Lücke, die durch nichts anderes
zu decken wäre, und muß uns als eines der Mittel zur Erreichung des
Zieles willkommen sein. Leopold Schmidt
GeburLenrückgang
^^s war vor knapp einem Iahrzehnt, da tauchte zum ersten Male in
E^Deutschland das Wort „Geburtenrückgang" auf. Seitdem zog sich sein
^^Begriff, bald wie ein Schreckgespenst drohend, bald entmutigend,
wie eine unüberwindliche nationale Niederlage, durch das ganze Volks-
leben. Berufene und unberufene Federn verkündeten den drohenden Rück-
gang der Bevölkerung und gleich dem übertreibungslustigen Nachbarn
jenseits der Vogesen, sah der ehrsame Bürger die langsame Ent«
völkerung des Siebzig-Millionen-Reichs vor Augen. Ein allgemeines
Tohuwabohu hatte große Kreise der Bevölkerung erfaßt. Der Soldat
malte sein Menetekel für Deutschlands Verteidigung, der National-
356
Das ist auch der Punkt, wo die Operettenmusik mit dem Nationalen zu-
sammenhängt. Osfenbach hat die französische elmnLon und die nationale
60nt>i'6äan86 gepflegt; in die Weisen Suppss, Strauß', Millöckers klingt
das Steyrische, das Kärntner, vor allem das Wiener Volkslied hinein,
während Sullivan dem Typ des englischen Matrosentanzes seine Rhythmen
entnommen hat.
Was bei der Vorführung von Kunstwerken ernsteren Stiles ein be-
dauerlicher, aber schwer zu vermeidender Mißstand ist: daß man sie näin--
lich meist nur bruchstückweise in Volksunterhaltungen bieten kann, das
kommt der Operette gerade zustatten. Einen „Messias", einen „Waffen--
schmied" müßte man eigentlich immer ganz aufführen, aber es ist nicht
nötig, eine ganze „Fledermaus" zu geben. Die Frivolität der Hand-
lung kann ausgeschaltet, der Bühnenspaß umgangen und nur das einzelne
Musikstück als solches geboten werden, um es rein in der künstlerischen
Sphäre, der es seiner Natur nach angehört, zu zeigen. Das wahrhaft
Erfreuliche daran wird dann erst ungetrübt erscheinen. Der an solchen
Abenden übliche einleitende Vortrag hat ein Abriges zu tun, um die
Rnterhaltung sehr bestimmt von den banalen Vergnügungen der Operetten-
bühne zu scheiden, indem er aus das kulturelle Moment, auf die Per«
sönlichkeit des Komponisten und seine musikalische Persönlichkeit hinweist.
Beschränkt man sich dann, wie sich von selbst versteht, auf einige, wirklich
hervorragende Meister, so wird man auch aus dem heitersten Genre einen
Unterhaltungsstoff gewinnen, dessen sich kein Vorurteilsfreier zu schämen
hat, und der sehr woh! innerhalb der gedachten Bestrebungen einem
idealen Zwecke dienen kann. Manch treuherzige, sinnige Pointe übt da
ihre Wirkung, die Mittel der Lharakter- und Situationskomik werden
freudig aufgenommen werden, und wenn die Iünger der übermütigsten
aller Musen frohe Laune verbreiten, mit ihren Rhythmen das Blut in
Wallung bringen und uns herzhaft vom Druck der Alltäglichkeit besreien,
so haben sie auf ihre Weise die Aufgabe aller künstlerischen Darbietungen
erfüllt. Das Lachen ist auch dem Ethiker heilig und nicht die schlechteste
der Wirkungen. Deshalb wollen wir, unbeirrt von den Einwänden ängst-
licher Seelen und unduldsamer Kunstpuritaner, uns wohl hüten, die hei-
teren Gaben der künstlerisch wertvollen Opern-, Operetten- und Tanz-
musik von den Volksunterhaltungen grundsätzlich auszuschließen. Sie hat
ihren wohlberechtigten Platz, sie füllt eine Lücke, die durch nichts anderes
zu decken wäre, und muß uns als eines der Mittel zur Erreichung des
Zieles willkommen sein. Leopold Schmidt
GeburLenrückgang
^^s war vor knapp einem Iahrzehnt, da tauchte zum ersten Male in
E^Deutschland das Wort „Geburtenrückgang" auf. Seitdem zog sich sein
^^Begriff, bald wie ein Schreckgespenst drohend, bald entmutigend,
wie eine unüberwindliche nationale Niederlage, durch das ganze Volks-
leben. Berufene und unberufene Federn verkündeten den drohenden Rück-
gang der Bevölkerung und gleich dem übertreibungslustigen Nachbarn
jenseits der Vogesen, sah der ehrsame Bürger die langsame Ent«
völkerung des Siebzig-Millionen-Reichs vor Augen. Ein allgemeines
Tohuwabohu hatte große Kreise der Bevölkerung erfaßt. Der Soldat
malte sein Menetekel für Deutschlands Verteidigung, der National-
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