Kunstwart und Kulturwart — 27,2.1914

Seite: 400
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Zwei der Besten packt er und zwingt
sie zur Flucht. Während die Kame»
raden sich in einem schmutzigen
Negerdorf mit den Freudenmädchen
belustigen, kleiden sie sich bei einem
hilfsbereiten jüdischen Händter um.
Doch hat der Kapitän, der im Lauf
der Iahre eine überfeine Witterung
für das Empfinden der Untergebenen
bekommen hat, den Fluchtversuch vor-
ausgesehen und bereits Gegenmaß-
regeln getroffen. Vorzeitige Revision,
Entdeckung, Ergreifung, verzweifelter
Kampf, Aberwältigung, Verurtei-
lung, eine Salve, zwei Grabhügel
— so enden die Besten. Das Gros
läßt sich unter Seufzen und Fluchen
weiterschinden. Es ist ein Zeichen
nicht alltäglicher Hingenommenheit
von der Sache, daß sich die große
Anklage-Tendenz ungezwungen und
unausgesprochen aus diesen Lebens-
schilderungen ergibt; daß Rosen
weder das Tatsächliche verzerrt zu
haben scheint, noch seine Absicht
unter Fingeraufheben von einer
Redefigur vordozieren läßt. Alles
Typische bekommt dadurch so echte,
zwingende, bewegende Züge, daß
man es als (im weiteren Sinne)
dichterisch bezeichnen muß. Viel
vermögen Sacherlebnis und Sach-
wille!

Andrerseits aber: Sacherlebnis
und Sachwille allein vermögen
wenig. Legt man an das Stück jene
Maßstäbe, die wir uns durch das Er-
leben echtbürtiger Dichtungen und
insbesondere vorbildlicher Dramen
erwarben, so kann Rosens Stück nicht
bestehen. Bei der Charakterzeichnung
und der Schicksalsgestaltung Einzel-
ner gibt er feuilletonistische Klischees.
Der schnodderige Berliner, der zähne-
fletschende Nigger, der verschuldete
Leutnant, der sentimentale Schwabe,
der stoische Emir, die vergangenheit-
reiche, halb mütterliche, halb kokot-
tenhafte Marketenderin, desgleichen
die übrigen Nichterwähnten sind
„Gestaltungen" von Zeitungs, ja von

Witzblatts Gnaden. Zur Zeichnung
individueller Vordergrundsgestalten
reicht Rosens dichterisches Vermögen
nicht. Auch nicht zur Formung eines
Dramas. Er übernimmt aus seinen
(bei Lutz, Stuttgart) erschienenen Er-
innerungen die Schicksale und läßt
sie bei passender und bei unpassen-
der Gelegenheit von den Schicksals-
trägern erzählen. Da diese aber in
dem Augenblick des Erzählens sel-
ber aus ihr Dasein zurückblicken,
statt es durch eine gegenwärtige
tzandlung vor unsern Augen blitz-
artig zu belichten, so bleibt, trotz
alles Ergreifenden, das sie umschlie-
ßen, die ergreifende Wirkung aus.
Rosens Cafard wirkt am stärksten im
ersten Akt, wo wir von der Betrach-
tung des farbenglühenden Hinter-
grundes so ausgefüllt sind, daß wir
auf den Knäuel der Vordergrund-
Gestalten noch nicht achten. Ie mehr
wir aber ihr aufeinander bezogenes
Tun und ihr besonderes Sein ins
Auge fassen, desto mehr werden wir
enttäuscht.

Und dennoch genügt eine Rück-
erinnerung an die lebensleeren, den
Formgesetzen der Dichtung und des
Dramas äußerlich gerecht werden-
den Leistungen der Nichts-als-Asthe-
ten, um uns vor Ungerechtigkeit
gegen dieses lebendurchpulste, un-
vollkommene Tendenzstück zu bewah-
ren. Ich gebe mit Freuden ein
Dutzend „vollendeter" Stücke von
jener Art für diesen halbdichterischen
dramatisierten Warnruf.

Hans Franck

^AtlantLs"

er Name Gerhart Hauptmanns,
der als Hauptreklame diesem
Kinobilde vorangetragen wird, wird
sicher viele in sein „Kinodrama"
locken, die bisher ihr Geschmack davor
bewahrte, auf der Projektionslei.r-
wand so etwas wie eine Theater-
dichtung oder einen „Ersatz" dafür
zu suchen. So mag diese „Film-
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