Kluft einpfinde ich mit vielen als unheilvoll. Aber noch unheilvoller
scheint mir der Zwang, den Propheten des „Fortschritts" im besten Glau-
ben auf diejenigen ausüben möchten, die über den Fortschritt anders
denken als sie.
Äber anderes, was hier in Frage kommt, spreche ich bald in einem Auf-
satz, den der Kunstwart schon vor dem Eingang von Leopold Schmidts Er-
widerung aus meinen Beitrag angenommen hatte. Gürtler
Vom tzeute fürs Morgen
SoMmersonnLnwende 1915
ieder stieg die schöne stille
Flamme zum reinen Nachthim-
rnel, wieder standen Inngen und
Mädel im weiten Kreise um das
uralte Feuerzeichen und wieder
glühte sein Schein in jungen srischen
Gesichtern. Die alten Lieder klangen,
und die heilige Feier brannte in den
Herzen.
Aber da das erste Lied verschollen
war, traten mit abwesendem Ant-
litz fremde und doch innig vertraute
Gestalten in die Reihe. Wir sahen
sie und nannten sie jeder im stillen
beim Namen, keiner sagte ein Wort.
Teure Geopferte, ihr gebt dem
Fest in diesem Iahre die höchste
Weihe. Ihr laßt uns stärker und
inniger als je fühlen, was wir dem
Leben schnldig sind und was wir
diesem Leben in dieser Zeit und
in diesem Volke danken.
Tretet immer, in allen künstigen
Zeiten, in nnsre Reihen, wo immer
wir stehn mögen. So können wir
nie an eine schlechte Sache verloren
gehn. —
Die heiligen Schaner hatten sich
gelöst, die Festfreude war lebendig
geworden in den jungen Gliedern.
Der Reigen schwang sich um die
Flamme wie alle Iahre, die Inngen
und Mädel sprangen durchs Fener.
Wild und srei sah sich's an von
nnserm Hügel über dem Plan.
Draußen lagen Höhen und Täler
in träumender Monddämmerung,
weit und still. Drunten drängte sich
das junge Volk froh nnd rüstig im
roten Schein. Nm das weite Land
aber, rings in allen Fernen, spannte
sich ein unsichtbarer, eherner Ring
von Millionen trener Leiber und
Seelen. Deutschland! Welches Land
hatte je einen edleren, kostbareren
Wall?
Und welches barg je köstlicheres
Gut in seinem Innern?
Welches von unsern Feindesvöl-
kern kann in diesem furchtbaren
Augenblick einer so getrosten, gesun-
den, innerlich starken und natnr-
gesegneten Iugend sich erfreuen wie
es diese jungen Arbeiter, diese Schü-
ler und Mädchen da drunten sind?
Viele von nns werden bald in jenen
fernen unsichtbaren Ring eintreten,
gerüstet und freudig: jenes über-
quellenden Feuerlebens voll, das sie
jetzt austoben, und zum Sterben
bereit.
Wer in dieser Schicksalswende der
Welt verzagen wollte, der braucht
nur diese unsre Iugend zu sehn, ihr
Herz zu fühlen, um zu wissen: der
deutsche Frühling, der heilige Früh-
ling ist unsterblich. Aber Sonnen-
wende und Winter hinweg.
H. Allmann
^An Nomain Rolland"?
er Antertitel unsres Leitaufsatzes
dürfte einige unsrer Leser über-
raschen. Wie steht es um Romain
Rolland?
Rolland war durch seinen Roman
„Iohann Christos" so etwas wie ein
Symbol für die deutsch-sranzösischen
Versöhnungsbestrebungen geworden.
58
scheint mir der Zwang, den Propheten des „Fortschritts" im besten Glau-
ben auf diejenigen ausüben möchten, die über den Fortschritt anders
denken als sie.
Äber anderes, was hier in Frage kommt, spreche ich bald in einem Auf-
satz, den der Kunstwart schon vor dem Eingang von Leopold Schmidts Er-
widerung aus meinen Beitrag angenommen hatte. Gürtler
Vom tzeute fürs Morgen
SoMmersonnLnwende 1915
ieder stieg die schöne stille
Flamme zum reinen Nachthim-
rnel, wieder standen Inngen und
Mädel im weiten Kreise um das
uralte Feuerzeichen und wieder
glühte sein Schein in jungen srischen
Gesichtern. Die alten Lieder klangen,
und die heilige Feier brannte in den
Herzen.
Aber da das erste Lied verschollen
war, traten mit abwesendem Ant-
litz fremde und doch innig vertraute
Gestalten in die Reihe. Wir sahen
sie und nannten sie jeder im stillen
beim Namen, keiner sagte ein Wort.
Teure Geopferte, ihr gebt dem
Fest in diesem Iahre die höchste
Weihe. Ihr laßt uns stärker und
inniger als je fühlen, was wir dem
Leben schnldig sind und was wir
diesem Leben in dieser Zeit und
in diesem Volke danken.
Tretet immer, in allen künstigen
Zeiten, in nnsre Reihen, wo immer
wir stehn mögen. So können wir
nie an eine schlechte Sache verloren
gehn. —
Die heiligen Schaner hatten sich
gelöst, die Festfreude war lebendig
geworden in den jungen Gliedern.
Der Reigen schwang sich um die
Flamme wie alle Iahre, die Inngen
und Mädel sprangen durchs Fener.
Wild und srei sah sich's an von
nnserm Hügel über dem Plan.
Draußen lagen Höhen und Täler
in träumender Monddämmerung,
weit und still. Drunten drängte sich
das junge Volk froh nnd rüstig im
roten Schein. Nm das weite Land
aber, rings in allen Fernen, spannte
sich ein unsichtbarer, eherner Ring
von Millionen trener Leiber und
Seelen. Deutschland! Welches Land
hatte je einen edleren, kostbareren
Wall?
Und welches barg je köstlicheres
Gut in seinem Innern?
Welches von unsern Feindesvöl-
kern kann in diesem furchtbaren
Augenblick einer so getrosten, gesun-
den, innerlich starken und natnr-
gesegneten Iugend sich erfreuen wie
es diese jungen Arbeiter, diese Schü-
ler und Mädchen da drunten sind?
Viele von nns werden bald in jenen
fernen unsichtbaren Ring eintreten,
gerüstet und freudig: jenes über-
quellenden Feuerlebens voll, das sie
jetzt austoben, und zum Sterben
bereit.
Wer in dieser Schicksalswende der
Welt verzagen wollte, der braucht
nur diese unsre Iugend zu sehn, ihr
Herz zu fühlen, um zu wissen: der
deutsche Frühling, der heilige Früh-
ling ist unsterblich. Aber Sonnen-
wende und Winter hinweg.
H. Allmann
^An Nomain Rolland"?
er Antertitel unsres Leitaufsatzes
dürfte einige unsrer Leser über-
raschen. Wie steht es um Romain
Rolland?
Rolland war durch seinen Roman
„Iohann Christos" so etwas wie ein
Symbol für die deutsch-sranzösischen
Versöhnungsbestrebungen geworden.
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