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Kunstwart und Kulturwart — 28,4.1915

DOI issue:
Heft 21 (1. Augustheft 1915)
DOI article:
Bonus, Arthur: Für welche Weltgedanken kämpfen wir?
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https://doi.org/10.11588/diglit.14421#0100

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Für welchen Weltgedanken kämpfen wir?

1. Zwischen Begeisterung und Kaltblütigkeit

^^-v^-ährend die Heere ziehen, sammeln wir unsre Gedanken, um klar zu
H Asehen, worum wir kämpfen.

Unsre Heere haben Großes zu leisten, Ungeheures. Wir zu Hause
Bleibenden können dergleichen nicht von uns rühmen. In tiefer Bescheiden-
heit stehen wir hinter jedem zurück, der jetzt das Gewehr gegen den Feind
trägt. Nicht weil wir auf einmal Körperkraft und Leibesarbeit über Geistes-
krast und Geistesarbeit stellten. Aber weil ihnen das große Schicksal wurde,
Leib und Geist zur Linheit zusammenzuglühen, den ganzen Leib und das
ganze Leben dienstbar zu machen dem Geistigen, von dem sie gepackt sind.
Das ist uns versagt. Sie erleben den großen Vorzug, sich bis in die letzte
Fußmuskel unmittelbar bewegt zu fühlen von dem Gedanken der sich er-
hebenden Heimat, bis in die letzten Sehnen zu sein, was sie sühlen und
denken — Vaterland.

Wir loben, preisen, benedeien euch, Brüder im Felde. Wir wollen das
tun, was ihr jetzt nicht tun könnt. Euer Kriegsatem soll doch auch unsre
Arbeit durchhauchen und adeln. Wir wollen mit Leib und Geist das Land
bauen, das ihr verteidigt, unser angestammtes Land, das euer Schwert
uns neu schenkt; ererbt von den VLtern, nun in eurem Blut neu erworben,
um es recht zu besitzen. Wir wollen versuchen, mit großer Nüchternheit
zu tun, was nötig ist, damit ihr euer Ligentum, geistiges und stoffliches,
nicht verschleudert sindet.

Der Soldat im Felde weiß, daß alle seine Begeisterung nur Wert hat,
wenn er versteht, sie in besonnene kaltblütige Tätigkeit umzusetzen. An
sich könnte die Begeisterung ihn zu anderem verführen, vorschnellem Drauf-
gehen, Verschmähung von Deckungen und wohlüberlegten Kriegsplänen.
Manchmal, wenn auch selten, kommen Augenblicke, wo auch diese Form
des Gehorsams gegen den treibenden Geist ihr Necht hat. Aber der
Soldat weiß, daß das Ausnahmen sind. Das Feuer muß brennen, ge-
wiß,- das ist sogar die Hauptsache. Aber alsdann das Nächste ist die
kaltblütige Leitung und Nutzung der Flamme. Wie auch für die großen
Künstler das Gesicht, die sogenannte Idee, die unbedingte Hauptsache ist;
dann aber, daß er das Gesicht in wohlberechnete harte Form bannen
könne.

In dieser Umsetzung der Begeisterung in ihr Gegenteil, die ruhige Be-
rechnung, liegt das uns Verbindende.

Ls muß sür den Soldaten eine große Versuchung darin liegen, eine
Heraussorderung aus jeden Fall anzunehmen, und überhaupt im Kriegs-
rausch zu handeln. Die Geschichte kennt Beispiele, daß große Erfolge auf
diesem Wege verloren gingen. Ahnlich ist es für uns eine Versuchung, die
Dinge durch den Hurrarausch hindurch in patriotischer Färbung zu sehen.
Wir verlieren damit den einzigen Wert, den wir neben den Kämpsenden
und sür sie haben können, den, gelassen erwägen zu können. Wir werden
dadurch eine Gefahr, und zwar eine schlimmere, als vereinzelte Voreilig-
keiten der Kämpsenden sein können. Eine wildgewordene patriotische Presse
scheint es ganz wesentlich gewesen zu sein, die schuld trug an dem Unglück
Bulgariens. Wir müssen sorgsältig umgehen mit den Lrfolgen, die das
vergossene Blut uns schafft; denn sie sind teuer erkauft. Wir müssen die
Ziele und Ideen kalt erwägen, auf die wir das Schwert richten wollen.
 
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