Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Kunstwart und Kulturwart — 28,4.1915

DOI issue:
Heft 21 (1. Augustheft 1915)
DOI article:
Nötzel, Karl: Die Zeit zum Umlernen
DOI article:
Aus Rades Kriegsandachten
DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.14421#0118

DWork-Logo
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
mit dem des Proletariats verknüpfte, den Nachweis sühren wollte, daß
der Sozialismns kommen muß, und daß nur unter seiner Herrschaft
der Proletarier nicht ausgebeutet sein wird, so rechnete er dabei wohl aufs
seinste mit jener so verständlichen nnd aus der ganzen Welt beobachteten
Neigung des Armen: da, wo er selbstlos handelt, selbstsüchtige Beweg-
gründe anzugeben. Iedensalls steht es außer allem Zweifel, daß der
Sozialismus seine Macht über die Geister des Proletariats nur des-
halb ansübt, weil er seinen Idealen nach Gerechtigkeit und Menschenliebe
einen greifbaren Vorstellungsinhalt gewährt.

Damit ist freilich durchaus nicht behauptet, daß jeder wohlwollende
Mensch nnn auch Sozialist sein müsse. Lr wird bloß den dem Sozialismus
zugrunde liegenden Willen nach Gerechtigkeit teilen. Er kann dabei aber
auch eine andere Vorstellung hegen von der Form, unter der die Gerech-
tigkeit aus Lrden verwirklicht werden kann oder soll. Das ist ja — was
leider die Sozialisten immer wieder vergessen — eine reine Verstandes-
entscheidung. So sollen auch diese Zeilen durchaus nicht sür den Sozia-
lismus neue Anhänger werben. Sie verlangen nnr, daß wir endlich ein-
mal auch in dem Bekenntnis zum Sozialismns den Willen zur Gerechtig-
keit, zum Ideal erkennen sollen. Denn solange wir das nicht tun, sind
wir nicht imstande, unsre proletarischen Mitbürger und Mitmenschen als
die mit uns andern sittlich Gleichstrebenden und Gleichberechtigten anzu-
erkennen. Im^ KarlNötzel

Aus Nades Kriegsandachten

^^^^-artin Rade hat die Andachten, die er im ersten halben Iahr des
/ Krieges in seiner „Christlichen Welt^ veröfsentlichte, in einem
^^^kleinen Bande gesammelt. (Verlag der Christl. Welt in Marburg.
(,30 M.) Wir bringen hier einige Proben daraus, die aus dem Ansang
des Krieges stammen. Der Grund, daß wir sie heute noch mit Gewinn
lesen, ist: Rade hat all die inneren Schwierigkeiten, die der Krieg sür
einen Christen brachte, stark empsunden und ist der Aufgabe, sie zu über-
winden, nicht aus dem Wege gegangen. So kam er zu sittlichen Urteilen,
die sich nach all den äußeren Veränderungen seither noch als richtig ge-
fühlt und gedacht erweisen. Sie sind aus dem Geiste des Christentnms
geboren und in der Form christlicher Andachten ausgesprochen. Aber auch,
wer innerlich anders steht, kann sie mit Gewinn lesen, denn es handelt
sich ja im Grunde um Menschheitsangelegenheiten, in denen es überein-
stimmende Nrteile über alle Standpunkte und Betrachtungsweisen hinweg
geben kann. Beispielsweise: das Gebot der Liebe steht nicht nur in „der
Schrift", sondern anch in jedem Menschenherzen. Die Frage, wie sollen
wir Liebe und tzaß in diesem Kriege vereinen? klingt überall auf. Wir
meinen, was Rade dazu als Christ zu sagen hat, kann also allen, die sich
nicht einsach über solche Fragen hinwegsetzen, wertvoll sein. Noch immer
ringen wir ja, äußerlich wie innerlich, nm dieselben Ziele. Da kann uns
diese Rückschau aus ein ernstes Erleben in der Besinnung und im Weiter-
denken fördern. St.

(Woher kommt der Krieg?)

A-^undervoll, was wir jetzt erleben an Leistungen und Triumphen der
^-VVaterlandsliebe! Mit einem Mal wahrhaftig und wirklich Ein Volk
von Brüdern: träumen wir? Kaiser, Kanzler und Konservative mit den
 
Annotationen