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Kunstwart und Kulturwart — 28,4.1915

DOI issue:
Heft 24 (2. Septemberheft 1915)
DOI article:
Giannoni, Karl: Wir und die Fremden
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https://doi.org/10.11588/diglit.14421#0215

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ihre Tragweite beurteilen. Lr empfindet daher die Anschauungen, die
sich der Fremde aus solchen Fehlern über die Absichten seines Volkes
macht, als so unsinnig, daß er sie für bewußte Verleumdung hält. Anders
steht es sreilich um das unehrenhaste System der Weltlügen über den
Kriegsverlauf.

Die Kulturgemeinschast wird wahrscheinlich rascher wieder kommen, als
man glaubt, durch das Kulturbedürfnis nach dem Krieg. Für sie
wird es aber nur vorteilhaft sein, wenn ihr eine Zeit der Einschrän-
kung auf unsere eigene Kulturentwicklung und ihrer Ver-
innerlichung vorausgeht.

(A

Sehn wir zu, wie sich diese allgemeinen Ausführungen auf ein be-
stimmtes Gebiet anwenden lassen.

Am schwersten werden die Beziehungen zwischen uns und den Fremden
sich da anknüpfen, wo keine tiesere Nötigung vorliegt: im wechselseitigen
Verkehr der Vergnügungsreisenden, die fremdes Land und fremde Leute
kennen lernen wollen. Gerade dafür wird aber mit allen Mitteln jemand
wirken, dem wir für die Art dieser Wirksamkeit ein berechtigtes Miß-
trauen entgegenbringen — die Fremdenindustrie.

Ohne zu verallgemeinern, darf man sagen, daß sie zum Teil in einer
aufdringlich geschäftigen Weise betrieben wurde, die würdelos war vom
Standpunkt unsres Volkstums, rücksichtslos gegen Natur und Kunst
unsres Landes und unklug selbst vom Gesichtspunkte eines daueruden
Nutzens der Allgemeinheit. Leider ist zu erwarten, daß die Ausschreitungen
der Fremdenindustrie nach dem Friedensschlusse noch wachsen werden. Eben
darum Müß gesägt werden, was wir sür Volk und Land vom Fremden-
verkehrsbetrieb künftig sordern. Gerade wir haben durch unser Verhalten
den Fremden gegenüber ein Recht darauf erworben, dabei nicht mißver-
standen zu werden. Dieses Recht war auch im Frieden zu sordern; aber
was da nur ein berechtigter Wunsch war, das hat dieser Krieg zu einer
Pslicht nationaler Selbstachtung und Selbstbesinnung gemacht, auf deren
Ersüllung auch der Staat bestehen soll.

Es handelt sich dabei um die Abstellung jener Abergriffe, die eine
Verletzung unsrer Volkspersönlichkeit oder eine Schädi-
gung unserer Landschaften und Ortschasten durch die Art
des Fremdenindustriebetriebes bedeuten. Dabei müssen wir uns völlig
klar sein, daß der Fremdenverkehr für viele deutsche Gegenden eine wirt-
schaftliche Lebensbedingung ist, und müssen die Sache ohne Sentimen-
talität mit lebendigem Gegenwartssinne beurteilen.

Selbstverständlich wird im Nnterkunsts-, Verkehrs- und Ankündigungs-
wesen den Fremden durch die Verwendung fremder Weltsprachen ein er-
leichterndes Lntgegenkommen bewiesen. Es ist aber unwürdig, die eigene
Sprache — und zwar die wirklich deutsche Sprache, nicht das „Restaurant"-
Deutsch — nicht oder nur nebensächlich anzuwenden. Dadurch sowie durch
die Aufzwingung fremder Lebenssormen macht man den Gast aus dem
eigenen Lande zu einem Gast zweiter Güte. Es ist sür uns nicht maß-
gebend, daß der Engländer seine Kleidung nach den Tageszeiten regelt;
wir tun dies eben nach dem Anlasse und tragen ein Festkleid gegebenen
Falles auch am Vormittage, wir ziehen es nicht zu einem gewöhnlichen
Essen am Abend an. Das muß uns im eigenen Lande überall freistehen,
und wir vertreten damit nicht nur die Unabhängigkeit deutscher, sondern
 
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