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Kunstwart und Kulturwart — 28,4.1915

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Heft 24 (2. Septemberheft 1915)
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Vom Heute fürs Morgen
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https://doi.org/10.11588/diglit.14421#0231

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Verlockungen eines zu reizbareu
Ehrgefühls, gegen Ruhinsucht gar,
völlig gefeit. Selbft eine ziemliche
Last offenkundiger „Schande" kön-
uen wir tragen, ohne daß es uns
besonders rührt. Es ist uns näm-
lich unmöglich, einzusehen, weshalb
die Ehre eines Geschädigteu erfor-
dere, fich um des Gleichgewichtes wil-
len — noch einmal schädigen zu
lassen. Schon das Duell ist im deut-
schen Volk als etwas Fremdes emp-
funden worden. Nun gar ein Völ-
kerduell.

Nein, wir sind ein nüchternes und
sehr schwer bewegliches Volk.

G

un gibt es in solchen Fällen
immer zwei Möglichkeiten. Die
eine, daß man diese Schwierigkei-
ten als Hemmungen nimmt, die eben
überwunden werden müssen. Die
andere, daß man in ihnen Anzei-
chen dafür sieht, wo die wahre Ent-
wicklung eines Volkes liegt. Die
eine nimmt sie für Grenzen, die man
überschreiten, Hindernisse, die man
überrennen, die andre für Wegwei-
ser, die man beachten müsse.

Mirscheint, daß diese letztere Stel-
lungnahme mehr Achtung vor der
Volksart bewährt, um die man sich
bemüht. Iene andere stellt sich von
vornherein auf einen fremden
Standpunkt, den französischen, und
betrachtet von da aus unsre Art.
Da fehlt Ehrgefühl, sagt sie, das
muß nun vor allem geweckt werden,
damit die Deutschen — ja was denn?
damit sie Franzosen werden?

Wenn uns Ehrgefühl fehlt, so
ist 'wohl unser Weg in der Zukunft
ein andrer. Wo mag er führen?
T

as ist es um dieses vielge-
rühmte und uns so beredt emp-
fohlene Ehrgefühl? Was ist Ehre?
Es ist die Anerkennung unsres
Wertes durch andre. Ls stellt also
von vornherein seinen Besitzer nach
der Seite seiner Abhängigkeit

vom Urteil andrer dar, als
einen also, der sein Leben aus zwei-
ter Hand lebt.

Hier ist nicht die Frage zu er-
wägen, ob nicht in gewissem Sinn
alle Menschen vom Nrteil andrer
abhängig sind. Das mag schon
sein. Der große Nnterschied ist
der, ob man in einer solchen Neben-
erscheinung seine Lebensquelle sieht
oder nicht. Es ist unzweifelhaft
wahr, daß wir alle von unserm
Magen abhängig sind. Aber wir un-
terscheiden uns dennoch dadurch, ob
oder vielmehr wieweit wir diese Ab-
hängigkeit zu einem Motiv unsres
Handelns werden lassen. Ein Volk,
dessen Haupttriebkraft das Ehrge-
fühl ist, oder in dem auch nur das
Ehrgesühl eine besonders große
Rolle spielt, ist eben damit einVolk
zweiten Ranges. Es ist aber ver-
ständlich, daß es das Volk der Mode
sein wird. Das Volk überhaupt der
Neuigkeiten. Das Lhrgefühl will ja,
daß man möglichst vlel Ehre auf
sich ziehe und womöglich aner-
kannt werde als das Volk, wel-
ches alle Dinge zuerst macht. Das,
welches von allen andern Völkern
nachgeahmt wird. Zugleich natür-
lich auch als das herrschende. Sein
höchstes Ideal wird das der Welt-
eroberung sein. Das sind alles Re-
flerideale. Ideale zweiter Hand.

T

s ist wahr, wir waren erschrocken,
wenn auch nichterschreckt,nurgren-
zenlos erstaunt, als das allgemeine
Kläffen gegen uns anging in aller
Welt, auch da, wo man uns kennen
mußte. Es will uns noch jetzt schwer
ein, was wir manchmal von Neu-
tralen ersahren, die wir für Freunde
halten durften. Was etwa in der
Chronik der „Lhristlichen Welt^, die
in ihren Nachrichten zuverlässig zu
sein pflegt, von einem friedenspoli-
tischen Bund „für Organisierung
menschlichen Fortschritts" in der
Schweiz berichtet wird. Er hat einen

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