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Kunstwart und Kulturwart — 28,4.1915

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Heft 24 (2. Septemberheft 1915)
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Vom Heute fürs Morgen
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Unsre Bilder und Noten
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https://doi.org/10.11588/diglit.14421#0249

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Äbertragung von Wereschtscha-
gins „Apotheose des Krieges".

PaLriotismus und Kosmo-
politismus

rst durch richtige Vereinigung bei-
)er gewinnt jedes seine wahre
Stellung. Die Ratschläge und Hand-
lungen des beschränkten und ein-
seitigen Patrioten werden seinem
Vaterlande nie wahrhaft nützlich und
ruhmbringend sein; wenn dieses mit
dem Iahrhundert und der Welt in
Berührung tritt, so wird er sich in
der Lage eines tzuhnes öesinden, wel-
ches angstvoll die ausgebrüteten Ent-
chen ins Wasser gehen sieht; indessen
der einseitige Kosmopolit, der in kei-
nem bestimmten Vaterlande mit sei-
nem Herzen wurzelt, aus keinem kon-
kreten Fleck der Erde Fuß faßt, für
seine Idee nie energisch zu wirken
imstande ist und dem fabelhaften
Paradiesvogel gleicht, der keine Füße
hat und sich daher aus seinen luf-
tigen Regionen nirgends niederlas-
sen kann.

Wie der Mensch nur dann seine
Nebenmenschen kennt, wenn er sich
selbst erforscht, und nur dann sich
selbst ganz kennen lernt, wenn er
andre erforscht, wie er dann nur an-
dern nützt, wenn er sich selbst in Ord-
nung hält und nur dann glücklich
sein wird, wenn er andern nützlich
ist, so wird ein Volk nur dann glück-
lich und frei sein, wenn es Sinn für
das Wohl und die Freiheit und den

Ruhm andrer Völker hat, und es
wird hier wiederum diesen edlen
Sinn nur dann erfolgreich betätigen
können, wenn es erst seinen eignen
Haushalt tüchtig geordnet hat. Im-
mer den rechten Äbergang und die
innige Verschmelzung dieser lebens-
vollen Gegensätze zu finden und zur
geläufigen Äbung zu machen, ist der
wahre Patriotismus und der wahre
Kosmopolitismus. Mißtrauet jedem
Menschen, welcher sich rühmt, kein
Vaterland zu kennen und zu lieben.
Aber mißtrauet auch dem, welchem
mit den Landesgrenzen die Welt mit
Brettern vernagelt ist und welcher
alles zu sein und zu bedeuten glaubt
durch die zufällige Geburt in diesem
oder jenem Volke, oder dem höch-
stens die übrige weite Welt ein gro-
ßes Raubgebiet ist, das nur dazu da
sei, zum Besten seines Vaterlandes
ausgebeutet zu werden.

Allerdings ist es eine Eigenschaft
auch der wahren Vaterlandsliebe,
daß ich fortwährend in einer glück-
lichen Verwunderung lebe darüber,
gerade in diesem Lande geboren zu
sein, und den Zusall preise, daß er
es so gefügt hat; allein diese schöne
Ligenschaft muß gereinigt werden
durch die Liebe und Achtung vor dem
Fremden. Rnd ohne die große und
tiefe Grundlage und die heitere Aus-
sicht des Weltbürgertums ist der Pa-
triotismus (ich sage absichtlich dies-
mal nicht Vaterlandsliebe) ein wüstes,
unfruchtbares und totes Ding.

Gottfried Keller

Unsre Bilder und Noten

runo Bielefeldts Kreidezeichnungen „Aus Ostpreußens Not",
^die der Dürerbund Lei Callwey herausgegeben hat, haben zum ersten-
mal die Aufmerksamkeit von vielen auf den Künstler gelenkt. Ost-
preußens Russennot, geschildert von einem Ostpreußen, der auch mit dem
Herzen sah — auch die preisenden Zeitungsstimmen bestätigen, daß das
mitten in die Seele der Zeit traf. Bielefeldts Ostpreußen-Bilder, von denen
wir heute zwei in Verkleinerungen wiedergeben, sind nicht bloß Wirklich-
keitsschilderungen, sind nicht nur „Aufnahmen". Die Erregung des Mit-

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