Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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habcn eine wirkliche Volksscele. Wozu Europa erst dnrch gewaltsamen Um-
sturz, durch Kampf nnd Rcibnng im Innern, nach ganz nuhloser Kraftvergcn-
dung viclleicht einmal kommt, das gibt uns doch die Macht der Idee, wclche
uns allc miteinander beseclt, nnd dcn Kaiser und den Adel voraus.

Die Sozialdemokratie hat übrigens nur ein paar Tausend Anhänger in
Osaka, Kioto, Kaga, aber die Negierung läßt sie auch nicht aus den Angen.
Bei uns ist sie ungefährlich. Wer auf dem Boden der heutigen politischen For-
men steht, dem Parlamentarismus, der Mehrheitsherrschaft, der Gesetzordnung.
ist staatserhaltend, ob er auch eine rote Halsschleife vorbindet. Gefährlich ist
nur der Syndikalismus und die Verneinung jedweder politischen Organisation.
Bci allen Nevolutionen handelte es sich bisher nur darum, eine Antorität
durch eine andere Autorität zu ersetzen: Absolutismus durch Monarchie,
Polizeistaat durch Rechtsstaat. Der Gedanke, jedwede Hcrrschast, wie immer
sie auch sei oder benannt wcrde, abzuschaffen, wird von der Menge bei uns
gar nicht erfaßt. Er ist ihr unbegreiflich, und das wird er ihr auch bleiben.

Unsere äußere Politik darf sich nicht von dcn gleichen Richtlinien leiten
lassen wie unsere innere. Es wäre verfehlt, dem Sozialismus im Auslande
feindlich gegenüber zu stehen. In Rußland besonders dient er ja gcradezn
unseren Lebensinteressen. Macht er Nußland nicht zu unserm äußersten Boll-
werk gegen einen europäischen Völkerbund? Rußland untcr dcn Bolschewiki
muß sich doch stets im heftigen Gegensatz zu den Bürger-Negierungen Europas
befinden. Aber nnser Verhältnis zu China verlangt eine vollständig entgegen-
gesehte Politik. Der dortigc Radikalismus hat seinen Ursprung in der Unter-
schätzung des dritten Standes. Eine Verbindung des geistigen Proletariats mit
der sich bildenden wohlhabenden Bourgeoisie, die ihre wirtschaftliche Wichtig-
keit nicht mit der entsprechenden politischen Machtstellung bewertet sieht, und
dafür ihre Führerschaft und Kampfmittel den Massen zur Verfügnng stellt.
Die chinesische Revolution ist ein Einfuhrartikel. Kaufleute und Stndenten,
welche einige Iahre in Amerika gelcbt, dort gewisse oberflächliche Freiheiten
kennen gelernt nnd von ihnen das Heil der Welt erwarten, das sind ihre
Veranstalter. Die ungeheure Masse des Volkes steht ihr ebenso teilnahmslos
als verständnislos gegenübcr. Auch darin ist der Vergleich mit der französi-
schen Revolntion gerechtfertigt, daß die eine wie die andere zum strengen Zen-
tralismus und dadurch zn größerer Machtstellung und Kräftesammlung führen
muß. Und dies ist für uns die größte Gcfahr. Einem chinesischen Nationalismns
würden wir einfach ohnmächtig gegenüberstehen. Es ist eine ganz andere Sache,
dem Brand einer meilcnweit entferntcn Fabrik des Nebenbuhlers odcr dem des
Nachbarhauses zuzusehen. Der chinesische Radikalismus gefährdet unser eigenes
Staatswohl.

Ahnlich dcr Handvoll Römer, welche mit den Barbaren ihre Heere bildeten,
sind wir dazu bcstimmt, unserm Erdteile für die Verteidignng gegen die weiße
Welt die Offiziere zu liefern. Dann haben wir vierzig Millionen Soldaten,
nüchtern, ausdauernd, intelligent, ausgerüstet mit allen Hilfsmitteln der mo-
derncn Technik und Wissenschaft. Werden die Europäer unsre Nachahmungs-
kunst in diesen Dingen dann auch noch verspotten? Zehn Iahre nur, und wir
sind so wcit!

Wie Amerika während seiner Kinderjahre die Monroedoktrin stets im Munde
führte — die Indianer zählten nicht —, bis es stark genug war, um Europa
seincrseits befehlen zu können, so müssen auch wir erst Herr im cigenen Welt->
teile werden und Europa nicht erlauben, sich in asiatische Angelegenheiten zn
mengen. Mit diesem Kriege beginnt ein neuer Zeitabschnitt in der Mclt--
geschichte. Europa als Vorkämpfer der weißen Rasse hat ausgespielt. Seine
Rolle wird von Amerika weitergcführt: Amcrika gegen Asicn. Dann heißt's:
„Die Welt hat keinen Raum mehr für uns beide!" In China und Sibirien wird
es zur Weltentscheidnng kommen. Und dort wird, was von Enropa heute
noch übrig bleibt, endgültig in die Brüche gehen. Dann wird die Hoheit
Asiens, der Mutter der Mcltkultur, für alle Zeiten wieder erstehn. Unsre

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