Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Zivilisation, welche bereits in ooller Blnte stand, als die Meißen noch in ihrew
Wäldern hausten und Eicheln fraßen, wird der Welt von neuem zu leuchten-,
dem Vorbilde werden. Und wenn wir die Fremdlinge von unserm heimatlichen
Boden wegfegen, dann dürfen wir uns auch der Beschämungen und Demüti--
gungen, die wir lächelnd hinnehmen mußten, erinnern. Dann werden wir ab-,
rechnen. Vorerst aber wollen wir in China Stahlwerke errichten, Kohlen heben,
Erzlager ausbeuten.

Phantasie und Baukunst

in Geschlecht junger Architekten revoltiert gegen den heilig gesprochenen
1^»Zweck", der vor zwei, drei Iahrzehnten als die Erlösung von einer

üppig-unklaren, eklektischen Theaterei im Bauwesen
gepriesen war. Iene banale Gleichung: zwecknräßig — schön, mit der sich der
Ingenieurcharakter seine ästhetische Gleichberechtigung im Amkreis der
schöpferischen Kunst vorwegnahm, erscheint nun als Bluff und Anmaßung
— als sie in Ilmlauf gesetzt worden, sei sie teils naiver Glaube, teils Taktik
gewesen. Heute gilt sie als schier tödliche Irrlehre.

Ilnd in der Tat: Kunst ist nicht die Lrfüllung einer Zweckaufgabe,
sondern sie beginnt, wo sie vom bloßen Zweck sich löst. Die Zweckentbunden-
heit, die Befreiung von einer primitiven „Aufgabe", einem Willenskom-
plex, ist ihr eigentümliches Wesen. Wie aber mochte es dann geschehen,
daß bei so vielen und ernsthaften Publizisten die „Zweckmäßigkeit" eine
Formel der ästhetischen Klärung werden konnte, daß dem künstlerischen
Schaffen eine gewisse nüchterne, die Phanlasie ausschaltende Sachlichkeit
als Ziel diente? War diese Losung, die neue Einsichten und Formen--
wertungen einleiten sollte, Verfall, ahnungslose Verschlingung in einem
geistlosen Materialismus? Die Heftigkeit der Anklage, der beschwingte
Lyrismus, mit dem die jungen Künstler und ihre literarischen Korybanten
die Worte setzen, lebt von diesem Glauben und gewinnt von ihm die Leiden-
schaft der messianischen Ansage: daß nunmehr der Geist, die Phantasie,
daß Erfindungskraft, daß gestaltender Schöpferwille zu seinem Recht ge-
bracht werde.

Aber die Erörterung über das Zweckproblem in der Architektur war
ganz ohne Zweifel notwendig und fruchtbar gewesen, um den gewerblichen
Charakter des Bauwesens in seine Grenzen zurückzuführen. Kunst war
damals ein Aushängeschild geworden, mit dem eine rein kapitalistische
Behandlung der Baufragen sich deckte; Kunstformen, erst als Verhüller
gedacht, wuchsen und wucherten zu einem Eigenleben, das schließlich den
einfachen Sinn einer Aufgabe bedrohte. Indem dieser für den entwerfen-
den Architekten wieder hergestellt wurde, geschah etwas an sich sehr Ein-
faches: der Zwang zur Rechenschaft über das sachlich Bedingte trat an
die erste Stelle. Das ist ein ethisches Postulat. Freilich deging man
vielfach den Fehler, zu glauben, daß sich dann, um Vischers Wort um-
zudrehen, auch das Ästhetische von selber verstehe. Aber diese Entwicklung
war doch eine notwendige Etappe, eine Stufe der Pädagogik.

Da Wahrheiten heute nur sehr knapp bemessene Lebensdauer besitzen,
gilt die Erkenntnis von Gestern bereits als abwegig, Irrtum, Ausdruck
geistiger Unfruchtbarkeit. Das ist sehr unsinnig. Denn dem wahren Künstler
wird der Zweck und die Sachlichkeit nicht zur Fessel, sondern zum Sporn.
Er unterwirft sie sich, nicht indem er sie vergewaltigt, sondern indem
er sie zu Selbstverständlichkeiten macht, von denen aus dann seine eigen-
tümliche Aufgabe erst beginnt. Wer beim Zweck haften bleibt, ist Hand-

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