Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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sich tiefer Menschen noch niemals ent-
ehrt haben.

Aber was rede ich zu unsern Freun-
den davon! Höchstens darf ich sie bit°
ten, meine Betrachtungeu über „na-
tionale Ehre" im ersten Dezemberheft
noch einmal nachzulesen. Die draugen-
aber möchte ich fragen: Ahnt ihr denn
gar nicht, wie ihr auch hier wieder
den Franzosen in die Nehe geht? Für
die ist jeder Aufschrei „Deutschland in
Schmach" nur die wonnige Befricdi-
gung ihres Sadismus, wie an einer
öffentlichen Züchtigung. Von andern,
viel wichtigeren Dingen, die auch mit-
spielen, ein audcrmal, denn ihre Er-
örterung braucht Ruhc und Raum.
„Nie davon reden, immer drau den-
ken", mahnte Gambetta nach >.871 seine
Landsleute. Wir wollen davon
reden, wir werden das, bis die
Lügen-Kuppel über der Welt zusam-
menbricht. Genau so grundfalsch, wie
dic feivdliche Behauptung, wir trügen
am Kriege allein die Schuld, genau
so grundfalsch ist die, w i r wären jetzt
entehrt. All dieser Wahnsinn jetzt mit
dcm Scheingericht zum Aburteilen in
eigencr Sache, zur Verteilung der
Bcute, zum Erpresscn eines Schuld-
bekenntnisses usw. bestätigen nur, daß
jetzt der Menschheit sittlichc Zukunft
in der Verwaltung der Deutschen
liegt. Und das bedeutet doch wohl ge-
rade das Gegenteil von Schande. A

KeineVortvürfewegen derAbstimmung!

enn diese Zeilen vor den Leser
kommen, wird schon alles entschie-
den scin. Ganz vergeblich wird es auch
dann nicht sein, sich um einen klaren
Blick in dieses Dunkel bemüht zu haben.
Hören wir die Befürworter von Ünter-
schreiben oder Ablehnen.

„Müßte ein Verzweiflungskampf
unbedingt zu einem Weißbluten füh-
rcn? Ist es nicht immerhin fraglich,
ob das Volk in Frankreich und Eng-
land, das auch gelitten hat, nicht seiner-
seits ciu lautes Wort mitsprechen
würde, wenn es sich zwischen die Mög-
lichkeit eines ihm günstigen Friedens
und die Notwendigkeit eines neuen
Kricgsjahrs gestellt sähe? Vielleicht
hättc man sogar von einer Pflicht spre-
chen dürfeu, die unser Volk und ins-
besondre unser Sozialismus gegen die

Bölker der Entente hätte, sie nnd die
Welt vor einem Gewaltfrieden zu be°
wahren, der der Anfang eines neuen
Krieges sein könnte. Man beachte doch,
wie in den Ententestaaten die Sozia-
listen sich aufs äußerste dagegen ge-
wehrt haben, diesen Krieg als eine
nationale Großtat anzucrkennen. Nun
belohnt man ihre inncrpolitischen Geg-
ner mit dem Verräterlohn, der dem
Volk aus eineni Untcrdrückungsfrieden
winken würdc. »Haben wir Recht be-
halten oder nicht?« Und die Masseu
würdcn sprechen: »Recht behalten!«
Ahulich würde es iil Rumänien, in
Serbien, in Gricchcnland, aber auch in
Frankreich und England stehcn. Der
Friede wäre für ein Iahrhundert be-
graben. Eine neue Erhebung bci uns
kämpfte nicht mehr für den Sieg, sie
kämpfte gegen ein Iahrhundcrt ueuer
Kriege."

Aber dieser Kampf wäre aussichtlos!
Wäre Selbstmord! Der Imperialis-
mus, der freilich neue Kriege sät, siegt
nicht nur für den Fall eines uns auf-
gezwungenen Friedens, sondern erst
recht für den Fall eines aussichtloscn
Verzweiflungskampfs. Gclingt es ihm,
durch unser Ausbluten uns die nächste
Zukunft zu ersticken, so hat er den Be-
weis gcführt, daß Kriege trotz allem
noch rentabel sind. Und diesc unsre
Ausblutung ist in jenen Kreisen
A b s i ch t. Wie denn gerade die eigent-
lichen Hetzblätter der Ententc es sind,
die sich am liebevollsten unsrer „Ehre"
annahmen und uns tagtäglich versicher-
ten, so dürfe ein Volk mit Lhre im
Leibe sich nicht ergeben. Die Aussicht
auf eine Erhebung des Lntente-Sozia-
lismus und -Pazifismus i»l Fall
unsres Verzweiflungskampfs war zu ge-
ring, unl daraufhin uns hinzuopfern.

„Wissen konnten wir freilich dar-
über nichts. Aber zur rechten Zat be -
darf es anch desscn nicht, hierhin und
dahin zu horchen. Einen Schmach-
frieden nimmt eben der rechte Mann
nie an. Unter keinen Umständen.
Das ist das rechte Gefühl, das ist die
rechte Tat. Was das Schicksal dann
aus dieser Tat macht, ein Opfer oder
ein Samenkorn der Veruunft in deu
Gewissen der Feinde, das ist nicht Sache
derer, die ihre Tat tun."

Aber es ist nicht an dem, daß wir
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