Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Versenkung und völliger Hingabe, nach einem Aufgehen in der Liebe
und dadurch einer tausendfältigen Vereinigung der Kräfte. Ia, nnr die
Befriedigung dieses elementaren Verlangens kann den religiösen Strom
unserer Tage durch das Bett der alten Kirche lenken, oder er wird sich ein
neues Bett graben, wird neue Formen schaffen.

In jedem Falle werden beide Seiten des religiösen Bedürfnisses, die
„Lehre" und die „Feier", zu ihrem Schaden miteinander verquickt, zu
ihrem Nutzen aber voneinander getrennt, zeitlich und — räumlich. Natür--
lich wird auch die Feier eine Ansprache enthalten, die aber an feste Form
gebunden und so über das Individuellzufällige erhoben ist — im wesent-
lichen Nnterschied vom freien und persönlichen Lehrvortrag.

Plötzlich stehn die Aufgaben des Kirchbaues eindeutig da: das Predigt--
haus, eine Neubelebung und Vereinheitlichung aller Gedanken der Pre--
digtkirche, ein Profanbau würdiger Gestalt; und die Feierkirche, das
Sammelbecken alles erlösungsbedürftigen, hingebenden Menschentums, das
Schöpfbecken aller Kraft der Brüderlichkeit. Sie wird eine Neubelebung
der zum Altar gerichteten Langbauten oder die endliche Erfüllung des
stets gesuchten, nie rein vollendeten Zentralbaues sein, als des eiuhelligsten
Ausdruckes des einhelligen grotzen Gefühls. Erst der Bau dieser Kirche
wird wieder die höchste Aufgabe der Baukunst und ihre Vereinigung mit
allen Künsten, wird die natürliche Selbstdarbringung der Künste sein, in
einem Sinne, wie sie die mittelalterlichen Sakralbauten verkörperten. Diese
Kirche vermöchte selbst wieder Sakralbau, höchster Ausdruck der Zeit zu
werden; und ihr Dienst, als höchster Ausdimck der Menschlichkeit, vermöchte
eine Zusammenfassung der Bekenntnisse einzuleiten und den heute noch uner--
kennbaren und also wirkungslosen Geist des Völkerbundes zu bilden*

Berlin Otto Bartning

* Die Begründung und uähere Ausführung dieser Gedanken anf Grund lang-
jähriger Lrfahrung im Kirchenban nnd einer lebendigen Fühlung nrit den
theologischen Voranssetzungen bringt das kleine Buch des Architekten Otto
Bartning „Vom neuen Kirchbau", das soeben mit Abbildungen und Grundris;--
skizzen bei Bruno Eassirer in Berlin erschienen ist (Preis geb. 5 Mk.). K.-L.

Zu GoLLfried Kellers Gedenktag

^^v^erden sich unter unsern Lesern noch viele seines siebzigsten Ge°
^F^Hburtstages erinnern? Friedrich Vischer hatt Kellern längst in seiner
Größe erkannt, Heyse ihn mit begeistertem Sonett als „Shakespeare
der Novelle" gepriesen, eine Keller-Gemeinde gab es, aber sie war bei
uns wie in der Schweiz noch klein. Der „Bürger" im Reich las und
auch seine fortschrittlichsten Tagesblätter priesen Spielhagen, Ebers, Baum-
bach und — ja, wie hießen die damals Nnsterblichen gleich? „Aber die
damaligeu. Iüngsten wirkten doch für Keller!" Die damaligen Literatur-
Revolutionäre waren stark im Glauben an sich, aber schwach im Wissen
von andern, ich wurde wegen meiner Keller-Propaganda im Kunstwart
sogar von solchen heftig befehdet, dte später selbst als Vorkämpfer Kellers
galten — wie könnte ich einen als etwas Besonderes ausrufen, der doch
im Grunde nur ein Philister sei? Genau so, wie heute, sah man den
wesentlichsten Fortschritt immer nur bei dem, was in irgendeinem Sinne
sogenannt „neu" schien. Die großen Deutschen des „silbernen Zeitalters"
wurden auch von unsern Iüngstdeutschen kaum gekannt, nicht Hebbel, noch

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