Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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dem Geschichtlich-Sachlichen kommt die Charakterzeichnung, das „Persönliche",
das Romanmähige zu seinem Recht; natürliche Leser werden gern an der Hand
von Schicksalen Einzelner sich in die Schicksale von Völkern hineinleiten lassen.
Wir denken wohl anders über die innere Berechtigung des Staates österreich-
Ilngarn als der Verfasser dieser drei Romane, in denen die schönste Hoffnung eines
älteren, in bestimmter Aberlieferung aufgewachsenen Geschlechtes sich ausspricht.
Aber freilich, diese Hoffnung wnrde erst von den Nachfolgern Iosephs und der
Seinen zerstört, und wer wollte behaupten, daß ohne deren unermeßliche Un-
fähigkeit nicht vielleicht ein anderes Donaureich hätte zustande kommen können...
Lin Stück echte Vergangenheit sind die „Eipeldauer-Briefe" des Publizisten
Iosef Richter, die E. von Paunel in bewunüernswert genauer und ein-
dringlicher Art neu hcrausgab. Zwei starke Bände mit einer hochgelehrten Ein-
leitung und vielen zeitgenössischen Bildern — man bewundert auch den Verlag,
der diese außerordentliche Leistung im Fahre IL>8 wagte. tlnd was bringen sie?
Von l?85 bis l8sZ schrieb Richter in gemessenen Abständcn eine Art Chronik
des Wiener Lebens in Form von Vriefen eines aus der Eipeldau nach Wien
gekommenen Bauern an seinen Eipeldauer Vetter — man erinnere sich zum
Vergleich an Thomas „Filser"--Briefe! —, und er ließ sie als Zeitschrift er-
scheinen. In jener, an Publizistik sehr reichen Zeit wurden sie viel und gern ge°
lesen. Ihr Inhalt: sittengeschichtliche Gesellschaftskritik durch heiter-ironische Schil-
derung und ständiger, ebenso ironischer Bericht über Stadt- und Weltlauf-
Neuigkeiten. Die große Auswahl Stück für Stück zu lesen, wird sich heute schwer-
lich jemand entschließen. Aber wie lebendig ersteht im einzelnen hier bürger-
liches und alltägliches Leben von einst im gemütlichen Zerrspiegel! Auf der
cinen Seite: Lcbenskunst, Lebensgenuß, städtisches Treiben natürlicher Art,
Freude am Leiblichen, Teilnahme am Geistigen und Künstlerischen; auf der
anderen: entsetzliche Enge des Blickes, Kleinlichkeit, Zurückgeblicbenheit (auch
beim Verfasser), Zuchtlosigkeit, Oberflächlichkeit. Nach dem „Staatsroman" Mül-
ler-Guttenbrunns liest man diesen bei aller Kritik doch recht naiven Ieitschilderer
mit verdoppelter Teilnahme: so also sah das „Material" aus, das ein kühner
Vorläufcrgeist wie Ioseph zu demokratischem Staatsbürgertum umbilden wollte,
zweihundert Iahre zu früh! Denn ob im> Fahre 2000 einmal die Wiener dem
Ideal Iosephs mehr glcichen werden als!im Iahre s800 — das Iahr 1900 sprach
noch kaum dafür! Aber cin Sittenspiegler von Iosef Richters Graden ist für die
Kinder späterer Zeiten von unschätzbarem Wert. Wer überhaupt Sinn für solche
Dinge hat, wird dicse Gabe zu würdigen wissen.

Ein paar Fahre später, im zweiten Iahrzehnt des l9- Iahrhunderts, spielt
Ernst Decseys Roman „Die Stadt am Strom". Der Ernst dieser Iahre
ist dcm freundlichen Vcrfasser fremd. Er hat die rosige Brille auf und schildert
dem Leser eine süße, in Lanners Walzern lebeirde und im Lebensgenuß fröhlich
aufgehende Wiener Welt. Den Kern der Erzählung bildet das L-chicksal eines
Musikers unü seiner geliebten Rosette von Sonnenbrück, die an der „Wiener-
krankheit", an Lungenschwindsucht, stirbt. Da steigen Schatten auf, und an
Wehmut fehlt es auch sonst nicht immer. Aber die Gesamtstimmung ist doch:
O die alte, goldene Zeit, die „köstliche, selige, einzige Stadt"! And dencn, die
gerne schwelgen und von verliebten Musikanten und den unaussprechlichen Herr-
lichkeiten des Musikerseins lesen, wird das Buch die böse Gegenwart wohl ein
paar Stunden wegzaubern. — Karl Ro^ner wiederum führt tief iu die
Politik. „Der deutsche Traum" heißt sein stattlicher Roman und die großc
Revolution ist dessen Thema. Rosner ist ein geschickter Schriftstellcr, der weiß,
wie man die Schilderung der zeitgeschichtlichen Strömungen mit dcr Dar-
stellung eines Familienschicksals spannend verbindet und, ohne langweilig zu
werden, den wesentlichen Realgchalt einer Revolution ausschöpft und wiedergibt.
So ist sein Buch lehrreich und fesselud. Tief ist eS nicht, und weltgcschichtlich gc-
sehen erst recht nicht, wie dies übrigens kaum ein einziger Revolutionsroman
ist. Dafür kommt, wie bei vielen deutschen üsterreichern, das besondere Streben
der Deutschen in jener ersten Erhebungsperiode des demokratischen Gcdankens
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