Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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heißt: nicht an den Dingen der Welt, dem Schein, haften, sondern das Abstrcifen
der Gebundenheit, ja schließlich des Individuellen und zum Allbewußtsein werden.
Aber auch für den Freigewordenen ist eine Rückkehr möglich. Dieser Weg wird
von denen betreten, die aus freiem Willen, also ohne durch ihr Karma ge--
zwungen zu sein, wieder Mensch werden, um andern den Weg zu weisen.
Das sind die großen Propheten, die großen Lehrer der Menschheit wie Buddha
und Lhristus.

Der Inder legt also sehr großen Wert auf dieses Leben. Es allein bietet
ihm die Möglichkeit, sich zu entwickeln, besser zu werden, überhaupt Karma
zu machen. Karma hat nichts mit Fatalismus zu tun. Der Glaube, daß aus
dem Mörder doch noch einmal der Buddha wird ist des Inders ,Zielstrebigkeit",
und das Erkennen, daß hinter dem Dieb auch Gott, der Atman, steht, sein
„höchstes Glück". Beides kann doch unmöglich als Pessimismus bezeichnet werden.

Wenn Buddha mit der Kraft seiner Konzentration alle Wesen „im Osten,
iin Westen, im Süden und im Norden, nach oben und unten" mit seiner Licbe
umfaßt, und sein Leben des öfteren für das eines Tieres hinzugeben bereit
war, scheint mir das auch nicht „herbstlich kühl" zu sein.

Für Geschichte nach unserm Begriff hat der Inder allerdings nicht viel Siun.
Die einzigc Geschichte, die ihn interessiert, ist die seiner Philosophie. Auf sie
blickt er voll Stolz und Achtung. Er läßt in ihr auch das bestehen, was heute
kciueu Sinn mehr für ihn hat. Er sieht darin Stufen, die ihm einst auch Kraft
gaben, und er will diese Kraftquelle für diejenigen nicht verschütten, die noch
nicht mehr fassen können, unü blickt verstehend auf sie zurück. Sie sind ja auch
Wege zum Ziel.

Die Erkenntnis „tat tvam asi" — „Das bist du", läßt ihn sich von der Umwelt
nicht getrennt empfinden. Dieses „du" treibt ihn dazu, in allem den Atman zu
sehen. In der Brihandärananyaka Upanishad heißt es: „Darum, Geliebter, ist
der Satte dem Gatten lieb, weil das Selbst in ihm ist . . . in ihm und durch
«s liebt er den Gatten. Diese Erkenntnis führt auch den Bhakti. Ihm wird
Gott zum Geliebten, und schließlich wird Geliebter, Liebender und Gott eins!

Sozial in unserm Sinn ist der Inder nicht. Ls fehlen in Indien ziemlich
alle sozialen Einrichtungen von staatlicher Seite, deren sich Luropa rühmen
kann. Trifft das aber den Inder? Einst hatte er auch Schulen fürs ganze
Volk, und Hungersnöte kamen nur selten vor. tzeute gibt es fürs Volk gar
keine Schulen und für Begüterte meist nur englische Schulen, und die Zahl
der Hungersnöte nimmt in erschreckender Weise zu.

Im alten Fndien war es Vorschrift, daß jeder Knabe zu einem Lehrer kam,
der ihn im Studium der Veda usw. unterwies. Dafür diente der Knabe dem
Lehrer, denn mit Geld konnte geistige Anterweisung nicht entlohnt werden?
Hatte dcr Schülcr sein Ziel erreicht, kehrte er ins Vaterhaus zurück. Im Alter
von zwanzig Iahren durchschnittlich mußte er heiraten. Als Familienvater
hatte er sein Leben in den Dienst der Allgemeinheit, der Verwandten und
Freunde zu stellen, und von seiner Habe viel den Armen zu opfern. Waren
seine Kinder herangewachsen, zog er sich in die Einsamkeit, in den Wald
zurück, um sich ganz der Verinncrlichung zu widmen (Maha--Nirvana-Tantra).
Diese alte Sitte ist durch Einführung des Mönchswesens in Vergessenhcit
geraten.

Aber Indien besinnt sich jeht wieder auf seine alte Weisheit. Erscheinungen
wie die Namakrishna-Mission und Brahmo Samaj-Bcwegung weisen darauf hin.
Ihre Bestrebungen erstreckcn sich auch auf die Errichtung von Krankenhäusern,
Speisungen von Pilgern an geeigneten Orten, z. B. Benares, Einrichtung von
Schulen usw.

Auf manchen Gebieten, besonders auf dem der Organisation und Technik,
kann Indien noch sehr viel vom Westen, zumal von Deutschland, lernen. So
stehen wir ihm nicht mit leeren Händen gegenüber. Was Indien uns bietet,
sind seinc geistigen Schätze, vor allem seine Philosophie. Von ganz bcson-
derem Wert für unsere Lebensauffassung kann uns auch seine geringere Be-
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