Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Seite: 114
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wertung des Materiellen werden. Das Interesse für dieses gegenseitige Geden
und Nehmen wächst in Deutschland immer mehr und mehr. Verschiedene Grün--
dungen der letzten Iahre beweisen das,* die teils wirtschaftlicher, teils rein
geistiger Art sind.

Wer Indien gerecht werden will, muß einen Unterschied zwischen Buddhis--
mus und den andern, jetzt in Indien noch bestehenden Richtungen machen. Er
darf aber auch die modernen Bestrebungen, die auf das Lrwecken der altindi-
schen Weisheit gerichtet sind, nicht außer acht lassen. Der Inder hat die Fähig--
keit, sich auf den Standpunkt arrderer zu stellen, ohne darum seinen eigenen
aufzugeben. Er sucht, zu verstehen, und urteilt dann. Wir urteilen leicht, ohne
uns in des anderen Art zu versetzen — und nehmen leicht Fremdes an. Der
Inder ist konservativer, aber toleranter. H. Moeller-Hagen

* „Bund der Freunde Indiens" für wirtschaftliche Beziehungen, Berlin, und
„Gesellschaft zur Förderung des Verständnisses indischen Geisteslebens", Ge-
schäftsstelle Hagen, Westf.

Lose Blätter

Arrs „GroßmutLer LlrsuLas Garten"

fSo heißt ein Buch der Dänin Ingeborg Maria Sick, das von Pauline
Klaiber verdeutscht bei I. F. Steinkopf in Stuttgart erschienen ist. Ein Buch,
das allerhand Schicksal, auch Alltägliches behandelt, das „brav" ist, altväterisch
— sogar das Liebespärchen als Leitmotiv fehlt nicht —, und dennoch hat man es
lieb: denn es führt in eine eigene Welt, in die der Lärm dieser bösen Zeit nicht
hineindringt. Das dichte Grün dieses alten Gartens, dessen Bäumc zu allen Ge-
schehnissen des Buches rauschen, umhüllt auch den Leser.

Wir bringen einige Proben, die eben den alten Garten schildern und ein
leises Heimweh erwecken können nach Gütern, die wir fast vergessen haben über
den lauten Forderungen des Tages. And uns scheint: zur Sommerruhe einmal
darf er sich das gönnen, weit weg von der Zeit zu gchen.^

zweite, was man bei Großmutter Ursula so sehr liebte, war ihr
/ Garten. Dieser Garten gehörte ausschließlich zur Veletage des Hauses,
und weil Großmutter schon vor ihrem langen Witwenstand mit dem
Großvater da gewohnt hatte und auch nicht gewillt war, auszuziehen, ehe
sie auf den Kirchhof hinauszog, war ihr Recht auf den Garten allmählich
ein Eigentumsrecht geworden. Für die Kinder jedoch war und blieb der
Garten ein Teil von Großmutter lirsula selbst, etwas, das mit der Groß-
mutter stand und fiel.

Ganz merkwürdig — wie ein Geheimnis — lag dieser Garten hinter
dem großen, breiten Hofplatz. Man ahnte gar nicht, daß er überhaupt da
war. Aber die großen Pflastersteine, die sogar unter den Schritten der
kleinen Mädchen widerhallten, kam man an eine dicke Mauer mit einer
Türe, zu der der Schlüssel gewöhnlich in Großmutters Tasche steckte. Und
immer wieder war es ein spannender Augenblick, wenn der Schlüssel in
dem Schloß umgedreht wurde. Die Türe ging auf — grün wogte es einem
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