Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Page: 147
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart_kulturwart32_4/0171
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
kritisch, wcgweisend, empfindsam je nachdem gegenüberstanden. Von ihnen
mag Hamsun damals der innerlich freieste, der den weitesten Abstand haltende,
der fühlsamste auch, gewesen sein. Aber er gehörte doch zu ihnen. Allmählich
löste er sich von der „Literatur" und von der „Zeit" los. Niemals ist er Richter
der Gesellschaft gewesen, außer dadurch, daß er sie zeigte und das Glück
oder Anglück der Gesellschaftfremden gestaltete, nun aber ist er seit Iahreu
nur noch Menschenfreund, Lebensfreund, Erdenfreund. Er wandert hin über
die Stätten dieser wunderlichen Leutlein, die noch immer alles so wichtig nehmen,
lächelt, zeichnet sich einiges auf, HLlt es mit leichten, unvergleichlich sicheren
Strichen fest, sieht aus Kindern Männer werden, ehrenwerte oder lumpige
Staatsbürger, sehnsüchtige oder geruhsame Frauen, sieht Tod und Geburt
kommen, Ernte, Aussaat, Amerikanismus und alte Sitte; über allem den
Himmel, der unerschöpflich ist, und drunter die Erde, die es auch ist. Dev
lächclnde Wanderer ist uicht bös, nicht ironisch oder nur selten ironisch, meist
heiter, gar nicht abgeneigt, einmal einen Trunk, einen Tanz, eine Arbcit mit°
zutun, auch glüht sein Inneres wohl wieder auf, wenn einer Frau Liebesblick
ihn trifft; und immer ist er weise wie der alte Salomo, er kennt die Welt
und kann den Kleinen und dcn Großen guten Rat geben.

Das ist der Dichter von „Hunger" und „Redakteur Lynge" nicht mehr, das
ist der Dichter der „Herbststerne", des „Gedämpsten Saitenspiels", der „Kinder
ihrer Zeit", der „Stadt Segelfoß". Und nun kommt im Frühjahr >919 sein
jüngstes Buch zu uns. Lacht nicht, es kam gerade zur rechten Ieit. Seht,
die Menschen vergaßen doch wohl in all diesen Iahren, als immer Pulverdampf
die Gehirne benebelte und Geschrei die Luft erschütterte, da vergaßeu sie das
Beste. Daß draußen Land liegt, junge Erde, von Moor überdeckt; man kann
es trocknen, kann dann säen, auch eine Ziege im Koben halten, sich eine Erd--
hütte auswerfen, im Herbst ernten, im Winter Holz schlagen, es nach dem
Dorf führen, es ebenso wie einen Ernteteil eintauschen gegen Werkzeug und
Gerät und Samen. Das alles kann man, wenn man stark ist wie Isak, der
Ansiedler, und frei von dem Geist jenes irrenden Europa. Ia, uud zu Isak
findet sich dann die liebenswürdige Inger. Sie gebiert ihm ein Kind, dann
ein andres, das sie indes tötet, weil es ihre Hasenscharte geerbt hat. Und so
kommt sie ins Gefängnis, denn eine böse Klatschbase hat es herumgeredet. Indes
hat Isak scin Anwesen, das den stattlichen Namen Sellanraa trägt, schon aus-
gebaut. Mehr Feld, mehr Vieh, schönere Wohnstätten hat er bestellt, gepflegt,
erworben, gebaut aus eigner Kraft, und ist nun Besitzer. Frühlinge kommcn
und gehen. Einmal, endlich, kommt Inger zurück. Und das Leben geht weitcr
in Arbeit und immer wieder Arbeit, die langsam wächst und einfacheu Wohl-
stand schafft, von Dürre oder Regen begünstigt oder gehemnit, nie aber erschüttert;
es geht weiter, voll von schlichter Liebe, alltäglicher Sorge und Heiterkeit,
unterbrochen von diesem Arger und jenem Gelüsten, wie es keinem crspart
wird. Die Kinder erwachscn, eines verschwindet, eins lebt sich ein auf Sellanraa,
eins findet ein andres Glück; in der Nähe beginnt die Welt von draußen
ein Bergwerk anzulegen, gewinngierig fahnden sie nach Kupfer, Bauern uud
Ansicdler kommen in Bewegung, aber znletzt bleibt alles beim alten. Isak
und Inger sind nun die stattlichen Besitzer der stolzesten Ansiedlung, die ersten,
die es gewagt habcn . . . aber noch immer die alten, einfachen. „Die Welt
ist weit, es wimmelt auf ihr von Punkten. Inger hat mitgewimmelt. Sie
war beinahe ein Nichts unter den Menschen, nur «in einzelner unter ihnen.

Und nun wird es Abend."

Von solchem erzählt Knut Hamsun, der Reife, Gütige, Weise, Menschenfreund,
Erdcnfreund. Der den „Segen der Erde" bis ins Ticfste erspürt hat und ihn
auszustrahlcn weiß, daß euch warm und selig davon wird. Den Segen der
Erde, den die Wimmelnden in Paris, in Wien, in London, in Chicago, in Berlin,
in München so ganz vergaßen. Er lädt sie ein, seiner zu gedenken. Sein Buch
kam zur rechten Zeitl
loading ...