Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Seite: 186
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bereits mit vernichtender Kritik gerüstet, und selbst die Bestgebildeten, dic
ja nicht genan zn lesen pflegen, erliegen schon den verbreitetsten Gegenschlag-
worten, mögen sie zutreffen oder nicht, fälschen oder nicht, persönlich oder
sachlich zugespitzt sein. Ein ganzes Iahr „lebt" keine Utopie; in solcher
Frist bringt sie der Ehor und das Geld der Interessenten zur Strecke, deren
letztes Mittel es ist, das fernere Totschweigen eines Refonnators zu erkaufen.
Das Geschilderte ist jedem Kenner des öffentlichen Lebens bekannt. Und
doch kann man es nie zu oft schildern. Tausende glauben immer wiedek,
es sei übertrieben. Es ist nicht übertrieben, sondern die Schilderung reicht
nicht an die Wirklichkeit heran. Von dreißig Millionen Erwachsenen sind
neunundzwanzig Millionen irgendwie Interessenten; die tzälfte davon hat
ständig ihre Intere'ssenvertreter an der Arbeit, uin die anderen zu verblenden.
Wer verblendet wird, beklagt sich. Daß er selbst durch Beitragzahlung,
Wahlzettelabgabe und Duldung der Verblendung anderer mitschuldig ist^
weiß er vielleicht gar nicht. Das Gefamtgetöse der Interessenten macht den
Hauptteil alles öffentlichen Lärms aus. Aber nur aller Iubeljahre finden
einige den Mut, das bei seinem Namen zu nenuen. Hier unterwühlt eine gut
arbeitende Maschine systematisch alle Selbständigkeit und alle Bolksbildung.

Von anderen Mafchinen ähnlichen Baus sei diesmal geschwiegen. Der
amtliche Apparat, der während des Krieges feine Gipfelleistung hervorbrachte,
aber auch heute noch arbeitet; der Apparat der Parteien; der Radikalismus-
um-jeden-Preis ver'schiedenster Richtung: sie vervollständigen das Trommel-
feuer auf die Gehirne der Bevölkerung.

Ilnsere Volksbildung hat Millionen befähigt, zu lesen; sie lesen Kritiken
und Niedermetzelungen. In diesem Kreuzseuer verlieren sie binnen kürzestem
nicht nur die Selbständigkeit, sondern sogar den Trieb zur Selbständigkeit.

Schumann

Alexander von Humboldt

Zum 15Ü. Geburtstag (14. Eeptember 1769)

^^^achdein Alexander der Große unglaubliche Länder und fagenhafte
/ Ströme erreicht hatte, zerfiel sein Reich in seiner Todesstunde. Als
^ ^der große Alexander des Milchstraßenreichs und der fechs Sternen-
ströme endlich gestorben und (mit etwas unvermeidlichem Berliner Ianhagel-
Apgernis) glücklich begraben war, meinten kluge Köpfe, die das Gras des
Zeitgeistes wachsen hörten, nun sei nicht eigentlich der kleine Urgreis mit
dem wächsernen Antlitz tot, sondern auch der Humboldt selbst.

Drei Menschenalter hatte der kleine Mann im Frack sozusagen die neue
Naturwissenschaft getragen. Kaulbach in seinem „Totentanz" hat ihn noch
so gemalt, wie er erst dem Tod als Atlas die Weltkugel wieder übergibt.
Dem strahleud aufflammenden Iahrhundert dieser Naturwissenschaft hatte er
die darstellende Person gegeben, ihrer Sonne ein Gesicht (das Gesicht eines
kerngesunden, jovialen Menschen, dessen blaue Augen am Kosmos hingen,
aber auch zwinkern konnten).

Könige, Feldherrn, Religionsstreiter, Künstler hatten die Welt bewegt:
seit Aristoteles kein Naturforscher mehr so wie Humboldt. Und grade das
bezeichnete eine neue Zeit.

Aber nun schien's auch genug. Im naiven Publikum hatte man den neuen
Aristoteles zuletzt für den Forfcher gehalten, der selber alles getan, und da-
gegen glaubte sich eine junge Arbeitsgeneration verwahren zu müssen.
Aber auch fonst sollte die Forschung kein Mausoleum werden.
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