Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Page: 187
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Hierhinein kam gleich nach seinem Abgang noch der, wie inan damals
sagte, Skandal mit den nachgelassenen Zettelchen an Varnhjagen, in denen
er die Zeitgeschichte glossierte. Das Buch ist in seiner Art eine Perle der
Memoirenliteratur. Es hat uns den plaudernden, lachenden tzumboldt be-
wahrt. Lr war keineswegs bloß der kalte Kosmosgreis gewesen, sondern
hatte auch lachen können, und, mein Gott, die Welt ist reichlich langweilig,
daß man sich mitfreut, wenn einer so hinreißend lachen kann. Schließlich
fühlt man doch auch immer den humanen Grund, aus dem Humboldt
lachte. Ängstliche Gemüter, die ihn nur mit der steifen Krawatte und dem
Stern gesehen, nahmen aber auch hier Aulaß, sein Bild etwas tiefer in
der Ahnengalerie zu verstecken.

Inzwischen hundertfünfzig Iahre nach seiner Geburt. (Es war fast auf
den Monat auch das Geburtsdatum Napoleons, und er selbst betonte gern,
daß er zwanzig war, als die französische Revolution ausbrach.) Bnd sechzig
seit seinem Tode (der fast genau mit der Entdeckung der Spektralanalyse und
der Tat Darwins zusammenfiel).

Ich glaube, wir haben heute die kleinen Witze, die der dicke Karl Vogt
und andere über ihn hinterher machten, intus, aber auch verdaut.

Wir wissen, daß er am Chimborazo, über dessen Gipfel der Kondor kreist,
nicht so hoch gekommen war, wie sein defektes Barometer vortäuschte, und
daß dieser Chimborazo nicht der höchste Maulwurfshaufen dieser reichlich
nivellierten Erde war. Es ist uns entschieden keine Lebensfrage mehr, ob
irgendwo ganz da hinten, wo die Krokodile und Moskitos unausstehlich
sind, der Orinoko mit einem unaussprechlichen Seitenfluß (schon Immer-
mann in seinem „Münchhausen" ulkte über diesen Namen) in den Ama-
zonenstrom fließt. Grade seine eigensten, am zähesten festgehaltenen geologi-
schen Ansichten bilden auch heute den vergänglichsten Teil seines „Kosmos";
der alte Goethe, der diesen spezifisch Alexanderschen Vulkanismus elne ver-
maledeite Polterkammer nannte, hat recht bekommen.

Aber wir wissen auch, daß er aus einer relativ kleinen Reise, die jeder
machen konnte, an wissenschaftlichen Ergebnissen etwas gemacht hat, das
noch nie einer auch aus der größten gemacht hatte. Wissen, daß er in
seinen Untersuchungen über Neuspanien ein klassisches Grundbuch der heu-
tigen Nationalökonomie geschaffen hat, wie in denen über Kolumbus ein
unvergängliches Geschichtswerk, — daß er wirklich als einzelner ein paar
ganz neue Wissenschaftsfächer gegründet hat; schließlich auch, daß der in
Ehren und gleichsam wissenschaftlich verarmte Mann mit seinem Einfluß
und dem Geld, das er mühsam zusammenbettelte, ganze Generationen
junger Forscher über Wasser gehalten hat, was wir doch auch zur Forschung
rechnen wollen. Wovon die Vogts und Konsorten hinter ihren Spezialisten-
hürden und mit der Wertung eines Charakters bloß danach, wie er sich
„durchsetzt", ja nichts zu wissen brauchten.

Aber wir haben doch auch noch eine allgemeine Beziehung zum alten
tzumboldt heute, die erst unsere Zeit wieder haben kann und in die wir erst
wieder hineingewachsen sind.

Humboldt hatte in all seinem Natursehen und Naturlehren einen ästhe-
tischen Zug, und das ist etwas, das wir heute verdammt wieder brauchen.
(Wobei man ästhetisch ganz tief nehmen mag, fast wie seelisch, jedenfalls
von innen sehend, innerlich ordnend, geistbeherrfchend durch einen Akt der
Gestaltung.) Es war diese große Schau und Mission des Asthetischen, aus
der Humboldt, der noch mit unsern Heroen solcher Kultur, herder, Schiller.

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