Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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solchen Anregungen rnht elne geheimnisvolle Kraft; sie sind erheiternd und
lindernd, stärken und erfrischen den ermüdeten Geist, besänftigen oft das
Gemüt, wenn es schmerzlich in seinen Tiefen erschüttert oder vom wilden
Drange der Leidenschaften bewegt ist. Was ihnen Ernstes und Feierliches
beiwohnt, entspringt aus dem sast bewußtlosen Gefühle höherer Ordnung
und innerer Gesetzmäßigkeit der Natur; aus dem Eindruck ewig wieder-
kehrender Gebilde, wo in dem Besondersten des Organismus das All°
gemeine sich spiegelt; aus dem Kontraste zwischen dem sittlich Unendlichen
und der eigenen Beschränktheit, der wir zu entfliehen streben. In jedem
Erdstriche, überall wo die wechselnden Gestalten des Tier- und Pflanzen-
lebens sich darbieten, auf jeder Stufe intellektueller Bildung sind dem
Menschen diese Wohltaten gewährt.

Ein anderer Naturgenuß, ebenfalls nur das Gefühl ansprechend, ist der,
welchen wir, nicht dem bloßen Eintritt in das Freie (wie wir tief bedeutsam
in unserer Sprache sagen), sondern dem individuellen Lharakter einer
Gegend, gleichsam der physiognomischen Gestaltung der Oberfläche unseres
Planeten verdanken. Eindrücke solcher Art sind lebendiger, bestimmter und
deshalb für besondere Gemütszustände geeignet. Bald ergreift uns die
Größe der Naturmassen im wilden Kampfe der entzweiten Elemente oder,
ein Bild des Unbeweglich-Starren, die Sde der unermeßlichen Grasfluren
und Steppen, wie in dem gestaltlosen Flachlande der Neuen Welt und des
nördlichen Asiens; bald fesselt uns, freundlicheren Bildern hingegeben, der
Anblick der bebauten Flur, die erste Ansiedelung des Menschen, von schroffen
Felsschichten umringt, am Rande des schäumenden Gießbachs. Denn es
ist nicht sowohl die Stärke der Anregung, welche die Stufen des individu-
ellen Naturgenusses bezeichnet, als der bestimmte Kreis von Ideen und
Gefühlen, die sie erzeugen und welchen sie Dauer verleihen.

Darf ich mich hier der eigenen Erinnerung großer Naturszenen überlassen:
so gedenke ich des Ozeans, wenn in der Milde tropischer Nächte das
Himmelsgewölbe sein planetarisches, nicht funkelndes Sternenlicht über die
sanftwogende Wellenfläche ergießt; oder der Waldtäler der Kordilleren,
wo mit kräftigem Triebe hohe Palmenstämme das düstere Laubdach durch-
brechen und als Säulengänge hervorragen, „ein Wald über dem Walde";
oder des Piks von Teneriffa, wenn horizontale Wolkenschichten den Aschen-
kegel von der unteren Erdfläche trennen, und plötzlich durch eine Offnung,
die der aufsteigende Luftstrom bildet, der Blick von dem Rande des Kra-
ters sich auf die weinbekränzten tzügel von Orotava und die tzesperiden-
gärten der Küste hinabsenkt. In diesen Szenen ist es nicht mehr das stille,
schaffende Leben der Natur, ihr ruhiges Treiben und Wirken, die uns
ansprechen: es ist der individuelle Charakter der Landschaft, ein Zusammen-
fließen der Ilmrisse von Wolken, Meer und Küsten im Morgendufte der
Inseln; es ist die Schönheit der Pflanzenformen und ihrer Gruppierung.
Denn das Ilngemessene, ja selbst das Schreckliche in der Natnr, alles was
unsre Fassungskraft übersteigt, wird in einer romantischen Gegend zur
Ouelle des Genusses. Die Phantasie übt dann das freie Spiel ihrer
Schöpfungen an dem, was von den Sinnen nicht vollständig erreicht werden
kann; ihr Wirken nimmt eine andere Richtung bei jedem Wechsel in der
Gemütsstimmung des Beobachters. Getäuscht, glauben wir von der Außen-
welt zu empfangen, was wir selbst in diese gelegt haben.

Wenn nach langer Seefahrt, fern von der tzeimat, wir zum ersten Male
ein Tropenland betreten, erfreut uns, an schroffen Felswänden, der Anblick.

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