Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Seite: 206
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derselben Gebirgsarten (des Tonschiefers oder des basaltartigen Mandel--
steins), die wir auf europäischem Boden verließen und deren Allverbreitung
zu beweisen scheint, es habe die alte Erdrinde sich unabhängig von dem
äußeren Einfluß der jetzigen Klimate gebildet; aber diese wohlbekannte
Erdrinde ist mit den Gestalten einer fremdartigen Flora geschmückt. Da
offenbart sich uns, den Bewohnern der nordischen Zone, von ungewohnten
Pflanzenformen, von der überwältigenden Größe des tropischen Organis-
mus und einer exotischen Natur umgeben, die wunderbar aneignende Kraft
des menschlichen Gemüts. Wir fühlen uns so mit allem Organischen ver-
wandt, däß, wenn es anfangs auch scheint, als müsse die heimische Land-
schaft, wie ein heimischer Volksdialekt, uns zutraulicher, und durch den
Reiz einer eigentümlichen Natürlichkeit uns inniger anregen als jene fremde
üppige Pflanzensülle, wir uns doch bald in dem Palmenklima der heißen
Zone eingebürgert glauben. Durch den geheimnisvollen Zusammenhang
aller organischen Gestaltung (und unbewußt liegt in uns das Gefühl der
Notwendigkeit dieses Zusammenhangs) erscheinen unserer Phantasie jene
exotischen Formen wie erhöht und veredelt aus denen, die unsere Kindheit
umgaben. So leiten dunkle Gefühle und die Verkettung sinnlicher An-
schauungen, wie später die Tätigkeit der kombinierenden Vernunft, zu
der Erkenntnis, welche alle Bildungsstufen der Menschheit durchdringt,
daß ein gemeinsames, gesetzliches und darum ewiges Band die ganze
lebendige Natur umschlinge.

^ie Geistesarbeit zeigt sich in ihrer erhabensten Größe da, wo sie, statl
^äußerer materieller Mittel zu bedürfen, ihren Glanz allein von dem
erhält, was der mathematischen Gedankenentwicklung, der reinen Ab-
straktion entquillt. Es wohnet inne ein fesselnder, von dem ganzen Alter-
tum gefeierter Zauber in der Anschauung mathematischer Wahrheiten, der
ewigen Verhältnisse der Zeit und des Raumes, wie sie sich in Tönen und
Zahlen und Linien offenbaren. Die Vervollkommnung eines geistigen Werk-
zeuges der Forschung, der Analysis, hat die gegenseitige Befruchtung der
Ideen, welche ebensowichtig als der Reichtum ihrer Erzeugung ist, mächtig
befördert.

Vom tzeute fürs Morgen

Volksleiden

ir Alten tun jetzt gut daran, an die
Iahre nach (870/-q zurückzudenken.
Damals regte sich nicht der gute, auch
nicht der wahre Geist unseres Volkes,
sondern ein unechter, gemachter, gestei-
gerter und innerlich unwahrer Geist
breitete sich aus. Wir hatten im Krieg
einen starken Arm geschwungen, aber
nachher zeigten wir der Welt einen ge-
schwollenen. Wir standen breit da wie
ein mächtiger Baum, aber der Saft war
zurückgetreten. Wir hatten von da ab
mehr Außenkultur als Innenkultur.
Nach diesen Erfahrungen war es wäh-
rend des Kriegs eine Sorge der Ldleren,

ob wir diesesmal den Sieg besser vcr-
tragen würdcn. Nun die Siegeshoffnung
zerronnen ist und wir uns auf schwere
Iahre rüsten, bleibt uns da der Trost
des Meistcrs Eckchart, daß das schnellste
Roß, das zur Vollkommenheit trägt,
das Leiden sei? Die bisherigen Beob-
achtungen sprechen nicht dafür. Aber
wie kurz sind diese Beobachtungen!
Sahen wir mehr als Ohnmachten und
Krämpfe in einer langen Krankheit?
Wir sind in der Krise und erkennen den
Ausgang noch nicht. Klagen wir nicht,
sondern denken wir darauf, daß wir in
unsern Leiden das ausscheidcn, was in
uns krank war! Christian Geher

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