Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Page: 240
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart_kulturwart32_4/0271
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
schen bedeutend kürzer und schob unter die Ferse eine kleine Stufe ein, etwa
ein Drittel der Kopslänge (Abb. 8). In seinem Werke „Le prototype humain"
sagt Rochet, daß die Einteilung der griechischen Künstler fehlerhaft gewesen
sei und dazu geführt habe, den Bildwerken zu kleine Köpfe und zu lange
Schienbeine zu geben, weil die Länge des Körpers nur bis zur Ferse ge--
messen wurde, anstatt bis zur Zehenspitze. Rochet war von seiner Einteilung
so begeistert, daß er in seiner Einleitung sagt: „Man könnte von jetzt an alle
vorhergehenden Abhandlungen über die Verhältnisse des menschlichen Kör--
pers als unnütz oder höchstens als historisch merkwürdig betrachten." Man
sieht, wie verschieden das Proportionsgefühl selbst bei den praktisch tätigen
Künstlern ausgebildet ist: der eine glaubt das altbewährte Ateliermaß der
Achtkopfeinteilung zu verbessern, indem er es verlängsrt, der andere, iudem ^r
es verkürzt. Waren die Menschen in Florenz oder Paris kaum von so
wesentlichem linterschied? Alle diese Künstler haben letzten Endes ihr
eigenes Gefühl der Natur zugeschrieben.

Noch lehrreicher als die Einteilung ist für den Kunstjünger der Ver--
gleich der Verhältnisse zwischen Mann und Weib, Riese und Zwerg, Kind
und Erwachsenem, Kind und Greis, Mädchen und Frau. Wenn man ver--
gleicht, wie der Neugeborene der Zweijährige V?, der Zwölfjährige ^
des Erwachsenen erreichen, dann hat man schon brauchbare Anhaltspunkte für
die Darstellung der verschiedenen Altersstufen (Abb. 9). Nnd wenn man
beobachtet, wie beim Kinde die Stirn und die Oberlippe vortreten und die
linterlippe und das Kinn zurückstehen, während es beim Greis gerade um--
gekehrt ist, dann wird man auch die feineren Abweichungen zwischen Mäd--
chen-- und Frauengesicht leichter sehen (Abb. (0 und (()-

Daß manche Künstler der Verhältnislehre abhold gegenüberfteheu,
kommt wohl auch daher, daß sie diese in unangenehmer Forin vorgetragen
bekommen haben. Schadow, der bedeutendste Meister der Verhältnislehre,
drückt seine Messungen in rheinischen Zollen aus. Geyer, der den Scha--
dow sozusagen neu bearbeitete, drückte sie in 56steln aus, was bei der prak-
tischen Anwendung zu umständlichen Nmrechnungen und viel Zeitverlust
führt. Ich habe neben der Halbierungsmethode ein Dezimalsystem aufgestellt,
um die vielen Zahlen und Tabellen durch das Zehntel zu vereinfachen.* Der
zehnte Teil der Figurenlänge als Maßeinheit genom-
men, bietet einen bisher wenig erkannten Vorteil, weil
inan für jede größere oder kleinere Gestalt die Maße ohne
Nmrechnung sofort vom Meterstab abnehmen kann.

Viele Künstler sind auch gegen die plastische Anatomie sehr abgeneigt,
oft nur weil die meisten Werke darüber zu weitläufig und zu wissenschaftlich
sind und das praktische Arbeiten zu wenig berücksichtigen. Für den Künstler
kommt es ja nicht darauf an, zu wissen, daß der menschliche Körper aus
so und so vielen Muskeln und Knochen besteht, sondern darauf, wie diese an
der menschlichen Körperform sich zeigen und betätigen, so daß der Künstler
den Körper fühlend sieht. Der Kunstjünger arbeitet auch leichter, wenn er
z. B. weiß, daß am Fußgelenk der innere Knöchel höher als der äußere, die
innere Wade dagegen tiefer als die äußere steht (Abb. (2 und (3). Und
wenn man ein Knie- oder Ellenbogengelenk nach der Natur studiert und sich

* E. dell'Antonio, Die Verhältnislehre und plastische Anatomie des mensch-
lichen Körpers. Verlag von Georg D. W. Callweh, München. Geheftet 3 M.,
gebnnden 3,50 M.
loading ...