Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Kranken, die nrit ihrer Lage ganz nn°
zufrieden waren, einen Dankespsalnr
vorlas nnd ihnen zum Bewnßtsein
brachte, wie gnt sie es hatten. Wie
glücklich käme sich ein anf dem Schlacht-
feld Berschmachtender vor, wenn er nnr
daheim — sterben dürfte! Eine der er°
greifendsten Erzählnngen aus dem Le-
ben Franzens von Assisi berichtet nns
seinen Inbel über einen schönen Sonr-
mertag nnd wie er sich dann, von einem
Gewitterregendnrchnäßt und schlotternd
vor Kälte, glücklich preist, daß dnrch
solch eine kleine Widerwärtigkeit die
Freude seines Herzens nicht ausgelöscht
werden konne. Niemand hindert nns,
diesen Pfad zn Lnde zn gehen nnd zn°
letzt für alles zu danken, weil ja doch
das widrigste Schicksal immer noch eine
Aufforderung und Gelegenheit zur Be°
währung unserer Seelenkraft ist nnd
weil eben darnm hinter allem die Wel°
tenmacht, die Weltenweisheit, die Wel°
tengüte und die Weltenfreiheit steht.
Freilich, daß das wirklich so ist, offen-
bart sich nur dem Dankenden, während
es dem Klagenden verhüllt bleibt. Es
gibt aber zum Glück kaum einen Men°
schen, der sich nicht im Danken üben
und sich das Klagen abgewöhnen könnte.
Der Meister in dieser Knnst ist der
wahrhaft reiche Mensch.

Ehristian Geher

Produktivität

ls ich in diescm Frühjahr in tzol-
land war, kam ich mit einem jungen
und liebenswürdigen Großindnstriellen
ins Gespräch. Seine Hauptfrage war:
„Wie steht es in Deutschland mit dcr
Produktivität, der Produktionsmöglich-
keit und vor allem dem Produktions-
willen? Wenn Deutschland nicht zu
seinem alten Fleiße zurückkehrt und
dementsprechend Güter erzeugt und
bedarf, dann ist auch Holland in
übelster Lage. Denn es ist auf sein
Hinterland bedingungslos angewicsen."
Ich antwortete ihm, daß das aller-
dings der schwierigste und dunkelste
Punkt der Lage sei; rein objektiv sei
trotz der noch fortdauerirden, alles er°
würgenden Blockade Arbeitsmöglichkeit,
Material und Bcdürfnis nach geleisteter
Arbeit reichlich vorhanden; aber sub-
jektiv hätten Arbeitswille und Arbeits-
gesinnung wie so viele andere Pshcho-

logische Boraussetzungen des bisherigen
Lebenssystems ein arges Loch erhalten,
von dem niemand wisse, wie es wieder
zugestopft werden könne. Mein Unter-
redner erwiderte, daß das sich nicht auf
die kriegführenden Länder beschränke;
in Holland seien, wenn auch etwas ge-
mäßigter, die gleichen Konsequenzen ein°
getreten; man habe sich bequemen müs°
sen, ein neues Wort „Arbeitsscheu" zu
bilden, das bisher dem holländischen
Sprachschatz gefehlt habe und das nun-
mehr die sorglichste Erscheinung der
Gegenwart bedeute; die gleichen Nach-
richten kämen aus England und Frank-
reich; hicr liege allem Anschein nach
das ernsteste von den vier Iahren des
Kriegswahnsinns hinterlassene Problem.

In der Tat, so ist es. Die inzwischen
geschehenen Dinge haben diesen Sach-
verhalt weiterhin bestätigt und er-
leuchtet. Die psychologischen Grundvor-
aussetzungen dcs bisherigen Shstems der
ganzen europäisch-amerikanischen Kul-
tur haben eine tiefe Erschütterung er-
fahren, von der niemand weiß, ob sie
vorübergehend oder ob sie endgültig ist,
ob sie ein Ende des Systems bedeutet
oder wo überhaupt sie enden wird. Wel-
ches waren diese Voraussehungen? Sie
bestanden in einem beinahe unbeding-
ten Arbeitswillen, oben und unten, in
der Arbeit um der Produktion und um
der in den aufgehäuften Gütern und
Reichtümern liegenden grenzenlosen
Chancen willen. Wirtschaft, Politik,
Bevölkernngsmasse, Arbeitswillen und
grcnzenloserFortschritts-Optimismusge-
hörten eng zusammcn als sich gcgenseitig
bedingende und förderndeGrundclemente
dieser stürmisch zur Herrschaft über die
Planeten emporstrebenden Kultur und
dieser zahllose Bedürfnisse der Sauber-
keit, der Ordnung, des Komforts be-
friedigcnden und erzcugenden Zivilisa-
tion. Die Menschenfülle Europas war
im IL. Iahrhundert zum Ungeheuer-
lichen emporgestiegen, und die auf
eugem Raume zusammengedrängten,
unter sich grausam rivalisierenden
Staatsindividualitäten des alten Eu-
ropa betrieben mit Hilfe ihrer un°
geheuren Rohstoffverarbeitung, Güter-
erzeugnng und Kapitalausfuhr eine ge°
radezu gigantische Weltpolitik, bei der
sich Ansprüche und Leistungen auf Ko-
sten der übrigen Welt ins Unerhörte

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