Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Page: 270
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Iuwelen-Verwertung

s ist jetzt viel die Rede von Iuwelen,
in denen deutsche Kapitalisten ihr
steuerbedrohtes Eigentum anzulegen su-
chen. In alten Zeiten vergrub man es;
am Ende kommt auch das wieder in
Mode, soweit das Eigentum nicht Pa-
pier ist.

Nun will ich für diese Leute um
mildernde Amstände werben. Mehr als
es in unserm Volke an freiem Geld
gibt, kann auch die Entente nicht aus
ihm herausschrauben. Ie mehr es aber
davon gibt, desto mehr wird sie zu
kriegen suchen. Von da aus bleibt es
immerhin verständlich, daß sich manche
Leute sagen: „Anserem Volke kommt
doch nicht zugute, was wir versteuern.
Im Friedensvertrag haben sich die
Feinde die Möglichkeit steter Nachfor-
derungen vorbehalten. Ie mehr die
Steuerschraube ans Licht bringt, dcsto
leichter wird die Zukunft nicht etwa
unserm Volke, auch nicht den Entente-
völkern, sondern lediglich den Entente-
kapitalisten. Weshalb sollen wir für
die zahlen!"

Wir wollen uns nicht dabei auf-
halten, zn untersuchen, wo Fehler in
dieser Rechnung stecken. Haben wir es
mit Leuten zu tun, welche solchen pa-
triotischen Gedanken wirklich zugänglich
sind, so werden sie begreifeir, dasz es
in so großer Volksnot nnmöglich ein
richtiger Gedanke sein kann, sein Hab
und Gut ins Tote zn vergraben. Ie-
denfalls aber kann ihnen eine bessere
Art gezeigt werden, ihrc Schätze vor
dem Zugriff der Entente zu sichern: sie
mögen sie ins lebendige Volk vergra-
ben. Das ist der Platz, wo man Schätze
so nnterbringt, daß ihnen selbst die
Diebe dcr Entente nicht nachgraben kön-
nen; wo nachzugraben sie die eigenen
Völker hindern müßten und hindern
würden.

Alles Geld, das jetzt so ins Volk
fließt, daß es Anglücklichen zu aus-
kömmlichem Leben hilft, ist dem Griff
des „Versöhnungsfriedens" entzogen.
And wenn die Massen in den Entente-
ländern sich quer gegen einen Feld-
zug legen, der die russische Republik
zugunsten einer zahlungswilligeren Re-
gierung stürzen soll, so würden sie sich
ebenso gegen einen Krieg sperren, wel-
cher das deutsche Proletariat zugunsten

des angelsächsischen Milliardenkapitals
ausrauben soll.

In gewisser Weise konnten schon die
märchenhaften Lohnerhöhungen der lctz-
ten Zeit eine solche Geldverteilung zu
schaffen scheinen. Aber es scheint anch,
daß das nur sehr vereinzelt geschieht.
Einmal wurden sie auf die Ware ge-
schlagen, so daß sich im Grunde nichts
veränderte. Die einzigen, die bluteten,
waren die geistigen Berufe und neben
nichtstuenden Rentnern leidcr doch auch
alle die, welche ihr Alter und ihre
Krankheiten nicht durch Pensioncn und
Staatsversicherungen, sondern durch
private Ersparnisse versichert haben.
Was aber von den Lohnerhöhungcn
durch Erhöhung der Warenpreise nicht
verbraucht wird, das scheint die Ange-
wohntheit, mit Geld umzugehen, und der
durch Hunger und Entbehrungen ge-
reizte Genuß- und Vergnügnngstaumcl
in die Aände weniger Kapitalisten zu-
rückzuspielen.

Alles dagegen, was durch öffentliche
E in rich t u n g en, in privaten nnd
staatlichen Siedlungen und Stif -
tnngen aller Art angelegt und ver-
graben ist, ist dem Zugriff unserer Be-
rauber weit weniger zugänglich.

Bonus

An die Nationen

ernehmt mich, groß' und kleine Na-
tionen,

Die ihr geharnischt tretet auf den Plan!

Ihr ringt umsonst nach Eigenruhmes
Kronen:

Der Einzelvölker Arbeit ist getan.

Die an der Seine, am Belt, am Ister
wohnen,

Begegnen sich fortan auf einer Bahn.

Was ihr getrennt erstrebt, gctrennt be-
gründet,

Vollendet ihr vereint nur und verbündet.

And ihr, die lang voran, mit rascherm
Schritte,

Den anderen gewandelt auf der Vahn

Der Mcnschlichkeit, der Bildung und
dcr Sitte,

Zum niemals ganz erreichten Ziel hinani:

Bedenkt, heut wandelt ihr in ihrer Mitte,

Heut ringen sie mit euch auf eb'nem
Plan:

Des Geistes Hort ward allgemeinsam —
eigen,

Kein Paria sei mehr im Völkerreigen.

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