Kunstwart und Kulturwart — 33,2.1920

Seite: 155
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lers oft sehr gewagte Behauptungen stützen; nicht einmal eine Literatur-
übersicht am Schluß des Bandes gibt Hinweise, die doch auch dem Wissen-
schaftler vonnöten sind.

Dabei wuchtet auf dem unbefangenen Leser der Eindruck, daß es sich
ununterbrochen um völlig neue Dinge handle. Während z. B. F. Stieve in
der Festgabe zur Versammlung deutscher Historiker sich chZZ entschuldigen
zu müssen glaubt, weil er es wage, noch immer für die Stufenfolge Alter-
tum — Mittelalter — Neuzeit einzutreten, deren Mangelhaftigkeit wir
oben andeuteten, greift Spengler diese schon so oft kritisierte Reihenfolge
seitenlang an und sagt S. 20 in aller Schärfe: „Es wird künftigen Kul--
turen kaum glaublich erscheinen, daß dieser Grundriß mit seinem einfäl-
tigen, gradlinigen Ablauf . . . in seiner Gültigkeit niemals (!) angezweifelt
worden ist." Wie er ja auch gleich eingangs behauptet, daß „in diesem Buch
zum ersten Male der Versuch gemacht wird, Geschichte Vorauszubestiinmen."

Fern von nüchterner Sachlichkeit liebt Spengler das Geheimnisvolle,
Mystische, ohne eine Gottheit als Grundlage aller Mystik einzuführen; seine
„Symbole", seine „Bedeutungen" usw. lassen so den rechten Sinn vermissen.
Vielfach hat es den Anschein, als ob die Vorliebe für suggestive Worte
wie „magisch", „faustisch", „intuitiv", „Schicksal" usw. nicht ohne Ein-
fluß auf die Darstellung blieb, deren philosophische Grundlagen hier nicht
einer Kritik unterworfen werden können.

Wer den Geist der Selbstzucht und Selbstkritik bei allen sich Bildenden
Pflegen will, wer Klarheit und Folgerichtigkeit um ihrer selbst willen uird
als Mittel der Ausbildung schätzt, dem wird es schwer, ein Werk, wie das
Spenglers, Leserm mit ruhigem Gewissen in die Hand zu geben, cbgleich die
Größe des von Spengler unternommenen Versuchs dazu drängt. Vielleicht
sinden sich Nachfolger, welche die hohen Vorzüge dieses Werkes weiter er-
halten, seine überaus schweren Mängel aber beseitigen. Karl Wilhelm

Wo ist Eros geblieben?

^--^er alte Gott, oder wie ihn Diotima in Platons Gastmahl nennt, der
^ I alte Dämon Eros weilt noch immer so gut wie in der Verbannung,
^»^rn die das Mittelalter die Herrlichkeit der Antike gestürzt hatte. Wenige
nur wissen von ihm und doch kennen ihn im Grunde alle. Aber er geht
arm und entehrt durch die Welt, trotzdem er der große Zeuger ist, der das
Dasein in Atem hält. Wer ist Eros? Wir dürsen zunächst sagen: Er ist
das Ewig-Männliche, das durch seine innere Schwungkraft in die Unend-
lichkeit stößt. Sein Widerpart ist das Ewig-Weibliche, was hinanzieht.
Eros ist die aktive, gestaltende, bildende, drängende, das Ewig-Weibliche
ist die passive, aufnehmende, lösende, anregende, beruhigende, ermunternde
Kraft.

Eros ist geistiger Zeugungstrieb und als solcher Charakteristikum des
Mannes. Des Weibes Gebiet ist die Seele, das Gemüt. In Heraklit,
Platon, Michelangelo, Schiller, dem jungen Goethe, in Faustnaturen ist
dieses Ewig-Männliche typisch-klar zum Ausdruck gekommen. Gehen wir
jedoch von dem eigentlichen Gestalter des Erosbegrisfes, von Platon aus:
Platon liebt diese Welt, weil er in ihr traumhaft-keimhaft die ideale Welt,
das Reich der Ideen, entwicklungsmöglich gegeben sieht. Er möchte ihr
seines Geistes Gut vererben, möchte es sortzeugen lassen in der Iugend.
Das leistete er hauptsächlich durch persönliche Lehre und Wirken auf den

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