unheiligeri Wüuschen so grausam enttäuscht, keines in seinen heiligen
Illusionen von den Teufeln so verspottet, keines für seinen Glauben so
vom Schicksal zergeißelt worden. Es ist förderlich, das alles recht
schmerzhaft durchzufühlen. Nicht drum herum um die Erkenntnisse, was
alles versagt hat, nicht vor der Wahrheit flüchten, weil sie brennt, auch
keine rosigen Schleier über Häßlichesl Ilnd erst recht nicht: auf den andern
schimpfen, um sich zu entlasten. Durch die Dunkel der Tatsachen hin-
durch — bis zu ihren Gründen. Während die sich als Sieger fühlen,
im Rausche weiter leben, können wir aus den schwarzen Tiesen Gold
und Diamanten der Erkenntnis holen. So können wir erzogen werden
durch unser Leid. Ilnd was wir aus ihm gewinnen, wird unentreißbar
sein, denu es wird nicht unser Besitz sein, sondern unsre Kraft. A
Vom Papalagi
uf einer Insel fern im Großen Ozean, die früher deutsch war und
die im Krieg uns geraubt ist, auf dieser Insel lebt der Häuptling
^d^Tuiavii. Der hat einmal eine große Europareise mitgemacht, als
man die „Völkerwiesen" in den Zoologischen Gärten zeigte, und dabei
seine Augen offen gehabt. Nun kam zu ihm auf seine Insel ein Mann.
der fragte ihn und dem antwortete er, und was er antwortete, das schrieb
der Weiße auf. Am meisten unterhielten sich die beiden vom Papa-
lagi, denn so hsißt in der Sprache dort der Mensch aus Europa. Zum
Beispiel: Tuiavii sprach von dem, was wir unsern Anzug nennen, was
aber er, Tuiavii, das „Fleischbedecken des Papalagi" nennt. Er sprach
von des Papalagi vielen Lendentüchern und Matten, mit denen er Luft
und Sonne seinem bleichen, müden Körper fernhält. Die Torheit unserer
Kleidung kann nicht besser beschrieben werden als in dieser Schilderung
der Lappen und Röhren, der zwiefachen Fußhäute und dreifachen „Lenden-
tücher" des Papalagi. Die „steinernen Truhen" (Häuser), die „Stein-
spalten" (Straßen), die „steinernen Inseln" (Städte) erregen das größte
Entsetzen des Naturmenschen, der in all dem kleinen Gedränge der Leute,
in dem fremden AusammSnhausen in Riesenhäusern die Gottverlassenheit
des Europäers fühlt. Das „runde Metall" und das „schwere Papier"
haben den Papalagi versklavt, zum Feind seines Nächsten, zum Unter-
drücker des Armen oder zum Fronknecht des Reichen gemacht. Man kann
„Dinge" dafür haben, aber diese Dinge machen den Papalagi unglück-
lich. Er muß arbeiten, um sie herzustellen, unb doch arbeitet
der Reichste am wenigsten, denn sein Geld arbeitet für ihn. Die Dinge
sind die Götzen der Papalagi. „Sie bekriegen einander, nicht um der
Mannesehre halber, oder um ihre wirkliche Kraft zu messen, allein um
der Dinge willen." Sie machen sich Bilder von Menschen und Dingen,
stellen sie in Festhütten und stehen erschauernd davor. „Nun möchten
die weißen Menschen uns ihre Schätze bringen, damit auch wir reich
sein sollen — ihre Diuge. Aber diese Dinge sind nichts als giftige Pfeile,
an denen der stirbt, in dessen Brust sie hangeu. »Wir müssen ihnen
Bedürfnisse aufzwingen«, hörte ich einen Mann sagen, der unser Land
gut kennt. Bedürfnisse — das sind Dinge. »Dann werden sie arbeits-
williger sein«, sagte der kluge Mann weiter. Ilnd er meinte, wir sollten
auch die Kräfte unserer Hände dazu geben, Dinge zu machen, Dinge
für uns, in erster Linie aber für den Papalagi. Auch wir sollen müde,
grau und gebeugt werden." Der Papalagi hat ferner keins Zeit. Aberall
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Illusionen von den Teufeln so verspottet, keines für seinen Glauben so
vom Schicksal zergeißelt worden. Es ist förderlich, das alles recht
schmerzhaft durchzufühlen. Nicht drum herum um die Erkenntnisse, was
alles versagt hat, nicht vor der Wahrheit flüchten, weil sie brennt, auch
keine rosigen Schleier über Häßlichesl Ilnd erst recht nicht: auf den andern
schimpfen, um sich zu entlasten. Durch die Dunkel der Tatsachen hin-
durch — bis zu ihren Gründen. Während die sich als Sieger fühlen,
im Rausche weiter leben, können wir aus den schwarzen Tiesen Gold
und Diamanten der Erkenntnis holen. So können wir erzogen werden
durch unser Leid. Ilnd was wir aus ihm gewinnen, wird unentreißbar
sein, denu es wird nicht unser Besitz sein, sondern unsre Kraft. A
Vom Papalagi
uf einer Insel fern im Großen Ozean, die früher deutsch war und
die im Krieg uns geraubt ist, auf dieser Insel lebt der Häuptling
^d^Tuiavii. Der hat einmal eine große Europareise mitgemacht, als
man die „Völkerwiesen" in den Zoologischen Gärten zeigte, und dabei
seine Augen offen gehabt. Nun kam zu ihm auf seine Insel ein Mann.
der fragte ihn und dem antwortete er, und was er antwortete, das schrieb
der Weiße auf. Am meisten unterhielten sich die beiden vom Papa-
lagi, denn so hsißt in der Sprache dort der Mensch aus Europa. Zum
Beispiel: Tuiavii sprach von dem, was wir unsern Anzug nennen, was
aber er, Tuiavii, das „Fleischbedecken des Papalagi" nennt. Er sprach
von des Papalagi vielen Lendentüchern und Matten, mit denen er Luft
und Sonne seinem bleichen, müden Körper fernhält. Die Torheit unserer
Kleidung kann nicht besser beschrieben werden als in dieser Schilderung
der Lappen und Röhren, der zwiefachen Fußhäute und dreifachen „Lenden-
tücher" des Papalagi. Die „steinernen Truhen" (Häuser), die „Stein-
spalten" (Straßen), die „steinernen Inseln" (Städte) erregen das größte
Entsetzen des Naturmenschen, der in all dem kleinen Gedränge der Leute,
in dem fremden AusammSnhausen in Riesenhäusern die Gottverlassenheit
des Europäers fühlt. Das „runde Metall" und das „schwere Papier"
haben den Papalagi versklavt, zum Feind seines Nächsten, zum Unter-
drücker des Armen oder zum Fronknecht des Reichen gemacht. Man kann
„Dinge" dafür haben, aber diese Dinge machen den Papalagi unglück-
lich. Er muß arbeiten, um sie herzustellen, unb doch arbeitet
der Reichste am wenigsten, denn sein Geld arbeitet für ihn. Die Dinge
sind die Götzen der Papalagi. „Sie bekriegen einander, nicht um der
Mannesehre halber, oder um ihre wirkliche Kraft zu messen, allein um
der Dinge willen." Sie machen sich Bilder von Menschen und Dingen,
stellen sie in Festhütten und stehen erschauernd davor. „Nun möchten
die weißen Menschen uns ihre Schätze bringen, damit auch wir reich
sein sollen — ihre Diuge. Aber diese Dinge sind nichts als giftige Pfeile,
an denen der stirbt, in dessen Brust sie hangeu. »Wir müssen ihnen
Bedürfnisse aufzwingen«, hörte ich einen Mann sagen, der unser Land
gut kennt. Bedürfnisse — das sind Dinge. »Dann werden sie arbeits-
williger sein«, sagte der kluge Mann weiter. Ilnd er meinte, wir sollten
auch die Kräfte unserer Hände dazu geben, Dinge zu machen, Dinge
für uns, in erster Linie aber für den Papalagi. Auch wir sollen müde,
grau und gebeugt werden." Der Papalagi hat ferner keins Zeit. Aberall
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