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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 1 (Oktoberheft 1920)
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Bonus, Arthur: Weltreligion
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0024

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Weltreligion

ie allgemeine Religionswissenschaft hat ihre Gefahren. Die Religion,

wo sie echt ist, spricht das innerste Herz einer Entwicklung aus,

'^^ihren innersten Willen, den tiefsten Willen ihres Lebenszugriffs.
Fremder Einschuß kann sie verwirren, kann sie lähmen, wenigstens wenn
er zn früh kommt.

Nun mag es sein, daß sich innerhalb des Weltschöpfungsganzen die
Zeit naht, wo die Erdbewohnerfchaft sich unter Weltwehen als eine Ge-
famteinheit zu verstehen beginnt. Vielleicht, daß sie sich auf eiue im
Laufe der Iahrhunderttausende sich anbahnende Begegnung mit fremden
Sternbewohnerschaften vorbereitet. Vielleicht aus andern Gründen — was
wissen wir? Doch auch daun bleibt ein im Wesen der Dinge — wenigstens
der uns bekannten Dinge und ihrer Entwicklung — gelegner unverwisch-
barer Grundunterschied. Der Unterschied des Aufwärts und des Seitwärts,
anders: des Strebens überhaupt und des Ruhens, wobei das Ruhen die allge-
meine Form der Nichtaufwärtsentwicklung ist. Dieses Ruhen kann dabei voll
großer Geschäftigkeit sein. Nur eben, daß diese Geschäftigkeit sich nicht auf
die Entwicklungsmitte richtet, vielleicht gar umgekehrt darauf, vom Wollen
und Streben loszukommen, von ihm statt zu ihm „erlöst" zu werden. Diese
beiden Richtungen im Innern einer Menschengruppe sprechen sich in ihrer Re-
ligion aus; und es kann nun vorkommen, daß in ein ermüdetes, abgekämpftes
Volk die Religion einer zur Ruhe gekommenen Masse mit unheilvoller
Aberredungskraft eindringt. Eine Müdigkeit, die an sich vorübergehender
Natur wäre, könnte in einer folchen Religion des Nichkwollens und
Ruhens sich Verwurzeln und die Wiedererhebung verhindern.

Wir sprechen nicht von theoretischen Doktorfragen, sondern von tat-
sächlich vorliegenden Gefahren, nicht von Gespenstern, sondern von unsrer
gegenwärtigen Lage.

Es dringen zurzeit in Masse religiöse Stimmungen fremder Herkunft
in unser Volk ein, insbesondre Buddhismus, Laodsi und seine Schüler
Ljädsi und Dschuangdsi, allerlei indische Theosophie, die sich mit gleich--
artiger heimischer quietistischer Mystik uusres Mittelalters und modernstem
Spiritismus verbinden. Allen diesen Bewegungen ist gemeinsam, daß
das Sittliche in ihnen, ihr Ethos, nicht der Ausdruck des ausdrängenden
Charakters ihres religiösen Erlebens ist, sondern eine sachfremde Vor-
bedingung und Vorbereitung sür den Genuß einer tiefen Ruhe.

Wenn nun die Dinge so liegen, so kann man eigentlich nicht sagen,
daß die allgemeine Religionswissenschaft (für die es merkwürdigerweise
noch immer keinen besonderen Lehrstuhl an unseren Nniversitäten gibt)
eine überflüssige und vielleicht gar unsre Entwicklung störende Wissen-
schast sei. Vielmehr wäre der zum Teil sehr wüsten Religionsmischerei
gegenüber ein recht eingehendes Studium am Platze, damit in dem her-
anslutenden Chaos östlicher Religionen und Religionsweisen Land und
Wasser sich zu sichten begännen, Förderndes, Antreibendes und Ein-
schläsernd es, Inruh ewiegendes.

Man wird bei einer solchen Erforschung ein Verdienst der allgemeinen
Religionswissenschaft entdecken, das nicht zu verachten ist. Es erhalten
nämlich die großen Grundfragen der Religion eine ganz neue Wucht,
und sie recken sich mit ganz neuer Deutlichkeit über die Kleinstreitereien
der Richtungen und Konfessionen auf. Die religiösen Streitfragen werden

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