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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 2 (Novemberheft 1920)
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Schumann, Wolfgang: Volksbildung neuer Art?
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Spranger, Eduard: Ein Mann der Sehnsucht: zum 250. Todestage des Johann Amos Comenius
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0095

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und eifngen Bildungsphilister zu lösen ist, die Kern- und die Aufbau-
probleme immer aufs neue zu durchdenken und, wo das angeht, praktisch
durchzuprüfen.

Weiter sprach Walter tzofmann über Volksbüchereien. Auch da
traten neben praktischen Anleitungen eigenartige Theorien stark in den
Vordergrund. Aber sie beruhten auf ausgedehnter Erfahrung und sorg-
samer Beobachtung. Hosmann ist der berufene und anerkannte Leiter einer
Art von Bücherei, durch welche die zifsernstolze liberalistische Massen-
speisungsanstalt überwunden werden soll. Ihre Grundsätze: nur das Wert-
volle gehört in die Bücherei; die Lntleiher sind sorgfältig zu beraten; zu
diesem Behufe mus; der Bibliothekar einmal die Bücher nach Lesbarkeit,
Verständlichkeit, Amfang des Inhalts, Stil usw. kennen, er müß wirklich
über sie Auskunft geben können, zum andern aber muß er mit dem
„Publikum" völlig vertraut sein. Dies hat Hofmann zu einer Anzahl
einleuchtender Grundsätze der Büchercharakteristik und -gruppierung und
zu ebenso lichtvollen psychologischen Darlegungen über verschiedene Entleiher-
typen und -bedürfnisse, über die Technik des Beratens und Ausleihens
geführt. Auch der minder abstraktionslustig veranlagte Teil der „Brau-
nauer" ließ deutlich erkennen, wie gerne er Hofmann zuhörte. Dieser
leistet heute auf dem Gebiet der Bücherei, was auf dem der sonstigen Volks»
bildung erst als bleibend gültige Form durchgesetzt werden muß. Man
hat den Eindruck, daß so manche Städt besser täte, zunächst eine Hof-
mannsche Bücherei zu gründen, ehe sie sich an eine Volkshochschulgründung
wagt. Ilnd vielleicht wäre sogar die Lösung des wichtigen Problems der
Gliederung im Volksbildungswesen damit angebahnt, wie ein Vortrag
Prof. Laßmanns sie darlegte: die gutgeleitete Volksbücherei soll ver-
bunden sein mit einem breiten, werbenden Vortragwesen, das die Volks-
hochschule entlqstet und ihr als der höher stehenden Bildungsstätte die
Auslese der Berufenen besorgt. Der Apparat der städtischen Volkshoch-
schule sollte so vielleicht geschont werden, damit diese allein ihren eigent-
lichen Zielen dienen kann.

Die Braunauer Tagung, die noch weit mehr Vorträge und Auseinander-
setzungen brachte, bedeutete einen vollen Erfolg. Zum erstenmal haben
Deutschland und Ssterreich hier offiziell zusammengewirkt, um ein gemein-
sames Kulturwerk zu fördern. Die freundschaftliche Gesinnung zwischen
den Völkern, die Schicksals- und Sehnsuchtgemeinschaft wurde herzlich und
leidenschaftlich gefeiert. So stand über allen Gegensätze'n der Theorie und
der Sonderart dennoch der Stern der Einigkeit.

Wolfgang Schumann

Ein Mann der Sehnsucht

Zum 250. Todestage des Johann Amos Comenius

lst mit den Iahrhunderten wie mit den Gestirnen: sie werden für
I^I^uns sichtbar, und sie verschwinden nach bestimmten Gesetzen. Bis
^»^vor kurzem war das 17. Iahrhundert unserm historischen Blick ver-
hüllt. Nur Rembrandt ragte als einsamer Gipfel herüber; den anderen
Gewaltigen, Spinoza, schien man von seiner Zeitumgebung loslösen zu
können. Im ersten Monolog des „Faust" fühlte man dunkel den Nach-
klang jener magisch-phantastischen Zeit. Nnd ganz zuletzt begann man
auch etwas von der Seele zu ahnen, die aus den Barockbauten spricht.
 
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