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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 2 (Novemberheft 1920)
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Spranger, Eduard: Ein Mann der Sehnsucht: zum 250. Todestage des Johann Amos Comenius
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Avenarius, Ferdinand: Thorwaldsen
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0100

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In allem echt Geistigen muß die große Sehnsucht leben, die die wahre
Heimat im Innersten der eigenen Seele sucht. Ehe wir das nicht er--
kennen, bleibt es bei dem leeren Kreislauf von Lrwerb und Verbrauch,
bei dem die Mühle schließlich leer geht trotz aller wirtschaftlichen Blüte.
Auch heute noch brauchen wir mehr als je Ariadnefäden aus dem Laby-
rinth der Welt, und nur ein neuer Mann der Sehnsucht wird sie für
uns und mit uns suchen — finden. Eduard Spranger

Thorwaldsen

iesen November sind es hundertundfünfzig Iahre, daß Bertel Thor»
waldsen geboren ward.

Nur die Altesten von uns Haben seinen Ruhm immerhin noch leben,
haben ihn altern und sterben sehn, für die Iüngern von heute war Thor--
waldsen fchon überhaupt nicht mehr da, denn bei der alten Wahrheit
bleibt es: kein Geschlecht ist gegen ein vergangenes weniger gerecht, als
däs ihm unmittelbar folgt. Aber liegen nicht eigentlich schon zwei Ge-
schlechter zwischen dem Thorwaldsens und dem von heute — wie wär es,
wenn wir jetzt versuchten, seinen einstigen Ruhm zu verstehn? Seinerzeit
war es ein Ruhm ohnegleichen uird, soweit Europäer wohnen, auch! ohne
Grenzen. Man bedenke allein, was das bedeutet, wenn ein Protestant aus
dem Norden dem Papste in Rom das Grabdenkmal in den Petersdom
setzt, und dann: wenn wohl in jedem Hause zumindest Deutschlands,
der Schweiz, Skandinaviens und Englands irgendein Abguß nach einem
Werk oder Werkchen desselben Bildhauers hängt. Zu Thorwaldsens Ruhm
findet sich bei den Bildhauern, was die Ausbreitung betrifft, in der Kunst-
geschichte kein Seitenstück überhaupt.

Aber nun die — für uns Heutige — offensichtlichen MLngel! Was
kann dieser Thorwaldsen langweilig sein! Oder schien es nur so, weil wir
den Abgüssen und Nachformungen nach ihm immer wieder begegneten?
Doch kaum. In seinem Verhältnis zur Antike war Thorwaldsen leer
und oberslach, und ties und reich war er überhaupt nicht. Einzelne wenige
seiner Werke, bei denen ihm die Natur etwas Wesentliches gegeben hat,
wie die kleine „Lady Russel", widerlegen die „Allgemeinheit" seiner sonstigen
antikischen Formbehandlung selbst, ich möchte sagen: dieses Äberziehen der
Formei: mit einer Art unsichtbaren Trikots. Man glaubte, allen Eigen-
wuchs der Knochen, Muskeln und Sehnen zu „idealisieren", wenn man
ihm Strümpfe anzog und nun von „allgemeiner" Schönheit sprach.
Dann diese Faltenwurf-Orgien, die der Zeit so wichtig schienen. Man ver-
gleiche doch einmal Stück neben Stück auch auf den Faltenwurf hin die
gute Antike mit Thorwaldsen oder andern Antikisierern: bei jener ist
auch der Faltenwurf Ausdruck von Lebendigem, bei diesen ist er wie für
Schaufenster gelegt. And die Gesichter! Die Antike hält das Antlitz still
zurück, wei! es von Ausdruck das weggibt, was die Haltung der ganzen
Gestalt übernimmt. Bei Thorwaldsen und den Seinen bekommen wir
bei den Antike-Larven hübsche Gesichter zu sehn, die eine Rolle angenehm
spielen, in die sich Träger oder Trägerin flüchtig hineingedacht haben
— ja nicht zu sehr, sonst könnt' es aufregen. Die Thorwaldsensche „Ge--
haltenheit", die „Gehaltenheit" dieser Antikisierer überhaupt war eben
keine, sie war keine Bändigung einer schöpferisch gärenden Fülle, sie war
ein leidenschaftloses Oberflächenspiel mit „Motiven", die man wie sertige

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