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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 2 (Novemberheft 1920)
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Avenarius, Ferdinand: Deutsche Hauptschuld am Kriege?
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Fischer, Eugen Kurt: Weltwille und Einzelwille in der Dichtung
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0110

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schuld am Kriege gar keine Rede sein. Wir würden, wie schon Quidde,
der Pazifist, ausgeführt hat, lügen müssen, wenn wir eins ablegten.

8. Wenn Foerster und Fried glauben, solch ein Schuldbekenntnis würde
uns im Auslande politisch nützen, so zeugen nicht nur Morel und Ponsonby,
die wir für besser unterrichtet halten, vom Gegenteil, sondern auch die
Erfahrungeu von Spaa tun das, wo sich nach> Hues und Stinnes' Auf--
treten wenigstens das formale Verhalten gegen uns sofort zu unsern
Gunsten änderte. Glauben denn die Herren Fried und Foerster, sie allein
hätten Beziehungen zum Ausland? Wir haben vom Auslande vor allem
einmal zu for d ern. Den deutschen Prozeß haben wir zu fordern,
der von einem Gerichtshofe von Neutralen zu führen ist. Entweder:
man bewilligt ihn und befreit damit die Entente von der Schande,
die auf ihr liegt, so lange sie den Humbug von Versailles als einen
„deutschen Prozeß" ausgibt, oder man bewilligt ihn nicht, und dann bleibt
jene Schande auf der Lntente, klarer mit jedem Iahr, das wir zur
Klärung benutzen. Bis in den jetzt mächtigsten Ländern die Minder--
heiten herangewachsen sind, die mit dem Völkerbunde und den vierzehn
Punkten Ernst mach>en. Das w> i r d geschehen, weil die Erde >eine Beruhigung
Europas braucht. Wir können auch einiges tun, um es zu beschleu--
nigen. Nicht etwa durch Vorbereitung eines bewaffneten deutschen Auf--
standes, der eine Wahnsinnstat wäre. Aber ebensowenig durch die andere
Wahnsinnstat, in diesen Zeiten verbrecherischer Vergewaltigung eines Volkes
die Vergewaltiger und uns felber glauben zu machen, wir würden ord--
nungsmäßig bestraft. Ich> glaube, daß innerhalb des Pazifismus die
Richtung, die das derlangt, am Anfange ihres Endes steht. Wir Deutschen
haben nach all dem Furchtbaren der letzten Iahre bei Gott keine Nrsache
dazu, uns sittlich tiefer einzuschätzen, als unsre Ausräuber, Erpresser und
Quäler, und ihnen für das Nnverantwortliche Scheinrechtfertigungen zu
Verschaffen. Daß Männer von dem sittlichen Ernste Foersters der Entente-
Suggestion unterlegen find, ist psychologisch leicht verständlich. Zwar tut
man sehr übel, darüber zu spotten, es ist allerschwerste Tragik dabei. Aber
der Schaden, den Foerster anrichtet, könnte unermeßlich werden, wenn feine
Wahnideen um sich grifsen. Deshalb ist Abwehr geboten. A

Weltwille und Einzelwille in der Dichtung

r^^^eist ringen in einem ernsten Drama Gott und> Teufel miteinander,
of/ ^ / und das dichterische Ergebnis trägt einen deutlichen religiösen Ein-
^--^^-schlag,- häufig aber steht auch der Dichter oder sein sterblich gedachter
Held dem Ewigen, der Gottheit oder dem Nnpersönlichen, der Gemeinschaft
und ihren herrschgewaltigen Bertretern gegenüber. Dann will die Dichtung
menschliche Tragik im Kampfe menschlicher Selbstbehauptung geben. Diese
Selbstbehauptung zeigt sich am frühesten in dem Nnsterblichkeitsverlangen, das
sich in der Frage nach dem „ewigen Leben" in den Seelenwanderungs-Phan-
tasien und nach dem Schicksal der Seele nach dem Tode ausspricht. Die grie-
chische, serbische und bulgarische Volkspoesie stellt diese Frage besonders gern
und resigniert häufig in trostlosem Iammer über den ewigen Tod, den kein
christlicher Glaube bei diesen Völkern überwinden konnte. Daneben tritt sehr
früh schon der Widerstreit zwischen Götter- und Menschenwillen, für dessen
Darstellung natürlich die Form des Dramas die geeignetste ist. Das Alte
Testament kennt nur den allbeherrschenden Gott, dem man einzig dienen

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