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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 2 (Novemberheft 1920)
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Fischer, Eugen Kurt: Weltwille und Einzelwille in der Dichtung
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Stegemann, Hermann: Der Holzhauer
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0114

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zusammen. Zurzeit stehen wir in einer vorwiegend „monistischen" Periode,
die sich mit allen Kräften bemüht, Weltwillen und Einzelwillen im Leben
und in der Dichtung zur Deckung zu bringen. E. K. Fischer

Der Holzhauer

Von Hermann Stegemann

sIm letzten tzeft des Kunstwarts vor dem Kriege haben wir eindring-
lich und ausführlich auf tzermann Stegemann Hingewiesen. Bald danach
lernte die Welt seinen Namen achten; gleich so manchen Romanschrift-
stellern war er in aller Stille Liebhaber-Stratege, indes mit solchem Ernst
und so bedeutender Sachkunde, daß seiye kritischen Analysen der Kriegs-
vorgänge und später seine Geschichte des Krieges den Laien, ja scheinbar
sogar deu Fachleuten wertvollste Dienste leisteten. — Nun erinnert eine
sechsbändige Auswahl aus den Prosawerken Stegemanns wieder an die
zurückliegende Zeit. Sie ist trefflich ausgestattet und gebunden, kostet —
man muß in dieser Zeit sagen: nur — YO Mk. und enthält wohl das meiste,
was von Stegemanns Früherem bleiben wird. Wir begegnen den Elsässer
Romanen, die nun geschichtliche Romane geworden sind, zeugend von der
deutschen Epoche des Landes; dem „Krafft von Illzach", diesem starken, tüch-
tigen Buch aus der Zeit von s870/7s; dem reifsten und weisesten Buch
Stegemanns, der Geschichte eines Knaben und einer Kleinstadt, welche
heißt: „Die als Opfer fallen"; den packenden Bauernromanen „Daniel
Iunt" und „Die tzimmelspacher", denen im sechsten Bande noch einige
kleinere, teils lustige, teils tragische, ungemein festgefügte, wirksame, von Leben
strotzende Novellen beigefügt sind. Der zweite Band bringt den „Gefesselten
Strom", eine Geschichte aus dem ehemaligen Ingenieur- und Nnternehmer-
leben, wirkungsvoll, jedoch so bewußt konstruiert, daß wir an ihrer Stelle
„Kreisende Becher" lieber gesehen hätten. Die mittleren-Bände enthalten
„Theresle", dies energische Volksbuch vom Bauernmädchen, das aus eigner
Kraft zu Vermögen und selbständiger Wirksamkeit gelangt, und „Thomas
Ringwald", das schwächste Werk der Auswahl, doch immerhin ein wohl-
geschlossenes Bild mittelstadtlichen Wirkens und Strebens. Wohl haben
wir allen Grund, uns dieser Bücher zu freuen. Stegemann hat nicht die
nervenerregende hochpersönliche Art unserer eigenartigsten Gestalter, ob-
wohl es ihm an „Persönlichkeit" gewiß nicht gebricht. Aber er ist ein Mann
von starker Fähigkeit der Beobachtung, ein trefflicher Kenner unseres ringen-
den und sich entwickelnden Bauern- und Bürgertums, mit sicherem Blick für
die Gesetze, nach denen sich Persönlichkeit und Gesellschaftform zu immer
neuen Arten der Wirkung verbinden, kein optimistischer Falschdarsteller,
jedoch ein Verkünder der aufstrebenden Willenskraft als des Kerns aller
bleibenden Entwicklung, ein „Volks-Dichter" im hocherwünschten Sinne
dieses oft mißbrauchten Wortes.

Wir bringen im folgenden eine kurze Erzählung aus der Ilmwelt der
nun verlorenen einstigen Reichslande. Sie zeigt alle Vorzüge Stegemanns:
die „handfeste", zupackende Art des Aufbaues, der Zuspitzung, der Lösung;
die knappe, aber zwingende Nmreißung der persönlichen und der stammhaften
Charakterzüge; das entschlossene Bilden eines in gutem landschaftlichen
Rahmen stehenden, tief menschlichen Konflikts; den harten Willen zu innerer
Konsequenz ohne Zugeständnis an Empfindsamkeiten der Leser; das Wissen
um letzte, irrationale Mächte, die über allem Gestaltbaren des äußeren und
innereu Lebens wirken.

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