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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 2 (Novemberheft 1920)
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Vom Heute fürs Morgen
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Unsre Bilder
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0151

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ihrem Werden und Sein deutlich wür-
den und vor allem auch in ihren
zahllosen Beziehungen zum übrigen
Deutschland zur Darstellung kämen.
Der neue Thp des zugleich Kunsterleb-
nis und Wissen vermittelnden Lehr-
und Unterhaltuugsbuches muh erst ge-
schaffen, die Traditiou des Schulbuches
gebrochen werden, das Kenutnisse ver-
mittelt, aber kein Wissen. Immerhin
stellen Brandstetters Heimatbücher
eineu tüchtigeu Schritt vorwärts dar,
denn es gelingt ihuen zum mindesten
das Line: Liebe zur Heimat zu er-
wecken, was die alten Lesebücher nur
selten kouuten. 5s.

Von der ewigen Liebe

Zu den Totenfesten

enke daran in der letzten Stunde,
wie das H.erz des Meuschen lieben
kann — denke au die heiligen Zeiten

der Liebe, worin der Mensch der Träne
das Auge nachsenden will, deiu Auge
das Herz und das Leben, um uur dem
geliebteu Wesen so viel Seligkeit zu
opfern, als er empfängt. Kauust du
vergessen die Liebe, worin ein Herz
Millionen Herzen ersetzt und die Seele
ein Lebeu lang sich von einer Seele
nährt und belebt, wie die hundert-
jährige Eiche dieselbe Stelle mit ihren
Wurzeln festhält und aus. ihr hundert
Frühlinge hindurch neue Kräfte und
Blüten saugt?...

Denke iu den letzten Stundeu an
die jugendlichen Zeiten, wo das Leben
schön und groß gewesen — wo du freu-
dig im Frühling geweint — wo du
emporgehoben gebetet, und wo dir Gott
erschieuen — wo du das erste und letzte
Herz der Liebe gefunden — uud schlietze
froh das Auge zu! IeanPaul

Unsre Bilder

^^su deu meistgelobten Malern — sageu wir: der Generatiou von Ilhde und
^^Liebermanu gehörte auch M. A. Stremel, und in der Tat stand er
e^mit in allcrerster Reihe, wo man gegen die Konvention der Nach- und
immer wieder Nachmalerei in ehrlichster Arbeit und begeisterter Entdeckerfreud^
dem Licht huldigte. Lichtleben ist auch der eigeutliche „Stoff" des Bildes,
das unser heutiger Steiudruck wicdergibt, Lichtleben, uicht etwa eine Art Bildnis
dieses recht altmodischen und in seinen Möbeln sehr „aufechtbaren" Zimmers.
Man wird an berühmte Studien Menzels erinnert, ohue datz von „Einflüssen"
oder gar von „Nachahmungen" die Rede sein könnte. Erst, wer das eigeutüm-
liche „Zimmerlicht" hier alles umfluten und gleichsam liebkosen schaut, also
fühlend sieht, erst der ist in dieses Bild gedrungen. Der aber hat auch mehr
davon, als den einmaligen Geuuß, Gemälde wie dieses haben einen ganz er-
staunlicheu bildenden Wert, sie machen „das Auge sonnenhaft", sie befähigen
es, Erscheinungen wie die vom Künstler gezeigte dann in der Natür selbständig
zu finden, und sie erhöhen so die Genutz-, die Freude - F ä h ig k e i t. Viel-
leicht, datz nach der „Äberwindung" der modischeu Verrücktheiten auch Künstler
wie Stremel in ihrer Bedeutung wieder besser erkannt werden, die ja uoch
in voller Manneskraft unter uns schaffen.

Das Blatt hinteu im Heft, „Trauer" vou Bruno Goldschmitt, das
wir zu den Totengedenktagen bringen, zeigt einen „Expressionismus", der ernst
zu nehmen ist. Kein Verzicht auf die Wirklichkeitsformen, n,och weniger cin Durch-
eiuander von gemalten unartikulierten SHreien, aber eine Ämäuderuug der Wirk-
lichkeit dadurch, datz die Stimmung der Menschenseele sie, wie bei Illusioneu,
veräudert. Wie „trauert" der gebrochene Ast im Vordergrund, wie „gestorben"
ist diese selbe Landschaft, die sich mit formal ganz geringen Veränderungen in
ein heiteres Winterbild verwaudeln ließe! Im schwarzen Gewande der Meuschen-
gestalt ist alles ein lebloses Hiusinken und Fallen. Sehr kühu sind dann Brust,
Arme, Kopf und Haare stilisiert, dieser Teil der Gestalt, der, um den Schnitt-
punkt der Diagoualen gruppiert, auch seelisch deu Mittelpunkt des Werkes bildet.
Sehr kühn, aber überraschend ausdruckgerecht.
 
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