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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

DOI issue:
Heft 3 (Dezemberheft 1920)
DOI article:
Fuchs, Emil: Gegenwartschristentum: zu Weihnachten 1920
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0156

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Aber ist denn unter so verschiedenartigen Menschen eine lebendige Ein-
heit möglich? Die Verschiedenartigkeit seiner Mitglieder geht sogar noch
viel weiter. Der Bund will mit allertiefstem Ernste die Aufgaben der Fröm--
migkeit im Leben der Gegenwart erkennen und anfassen. Von allen Seiten
kommen nun Menschen zu ihm, die solche Aufgaben sehen, und sie verlangen
vom Bunde dies und jenes, damit seine Arbeit diese Aufgaben lösen helfe.
Da ist die große Aufgabe, die Menschheitsziele der Frömmigkeit gegenüber
dem engen Nationalismus, aber unter voller Würdigung und lebendiger
Pflege der großen und guten völkischen Kräfte zur Geltung zu bringen. Da
ist die gewaltige Aufgabe, im deutschen Volke selbst die Zersplitterung in
Stände und Parteien zu überbrücken, um eine Gemeinschaft zu schaffen,
in der jeder Menschenwert gilt und gewertet wird. Da ist die Aufgabe, neue
Formeu religiöser Gemeinschast zu schaffen. Ilnd da ist schließlich, alles
umfassend, die Ausgabe, unser Kulturleben zu Innerlichkeit, Wahrheit und
Kraft zurückzuführen.

Ganz Verschiedenes aus diesem Aufgabenkreis sehen die einzelnen Führer
des Bundes, und verschiedenes greifen sie an, um ihre Aufgabe zu bewäl--
tigen. Auch dadurch kommt eine große, vielleicht eine übergroße Mannig--
saltigkeit in den Bund hinein.

Ein rechtes Bild davon war jüngst die Tagung auf der Wartburg.

Sie begann mit einem Vortrage von abstrakter hochwissenschaftlicher tzal-
tung. Professor Bultmann aus Gießen sprach über ethische und mystische
Frömmigkeit im Urchristentum. Und dichtgedrängt um den Redner lagerte
auf der erhöhten Balustrade des Wartburgsaales die Iugend des Kreises
mit nackten Knien in Wandervogeltracht. Wie paßte das zu einander?
Gewiß waren viele da, denen war nichts gegeben mit diesem Vortrag —
aber sehr viele waren da, die nahmen gerade diesen mit hungernder Seele
auf. Denn es gehört zum Großen der Wissenschaft, daß sie vor allem un-
besangen macht. Unbefangen lehrt sie die Vergangenheit verstLhen und
würdigen. Damit lehrt fie aber gleichzeitig: die Vergangenheit zwar als
Lebensquelle zu lieben, ihre Fesseln aber abzustreifen. Es sind-viele im
Kreise des Bundes für Gegenwartschristentum, die diese befreiende Macht
der Wissenschaft empfunden haben und ihre Kritik, ihre Erziehung zu rück--
haltloser Wahrhaftigkeit nicht entbehren wollen und können. Das gilt be-
sonders von der Gruppe, die sich um das führende Blatt, die „Christliche
Welt" schart. Die ist ein eigenartiges Blatt. Die Höhenlage seines wissen-
schaftlichen Standpunktes und die umfassenden Bildungswerte, die es jeder-
zeit harbot, sichern ihm die Aufmerksamkeit gerade der führenden Kreise
deutscher Bildung. Aber wie für die Verbreitung und Behauptung echter
theologischer Wissenschaft, so hat es für die Wahrheit uüd Tiefe des reli-
giösen Lebens Mächtiges geleistet. Tapfer und tief sromm, trat es jedesmal
für die Aufgaben ein, die man unter dem Drucke alltäglicher Bequemlich-
keit und Vorurteile beiseite zu schieben suchte. So schart sich um die
„Christliche Welt" und ihren Herausgeber Rade ein begeisterter Freundes-
kreis. Ihm ist wissenschaftliches Arbeiten Lebensbedürfnis. Er braucht
solche Vorträge bei seinen Zusammenküuften.

Neben ihn trat der Mystiker, Pfarrer Mensing aus Dresden, mit seinem
tiefeindringenden und doch unmittelbar packenden Vortrag über „Frömmig-
keit als Heiligung der Gesühle". Das war ein Vortrag für den Kreis, der
aus dem Leben moderner Bildung, aus Wandervogelbewegung nnd frei-
deutscher Art kommt und -nun in der Mystik jene in sich geschlossene
 
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