Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

DOI issue:
Heft 3 (Dezemberheft 1920)
DOI article:
Schumann, Wolfgang: Beethoven: zum 15. Dezember
DOI article:
Haldy, Bruno: Deutscher Hausrat
DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0167

DWork-Logo
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
Kunst nnd »sonst nichts", ein Dichter oder ein Bildner wie Klinger hade
nicht zu „philosophieren", ein Musiker nicht „poetische Ideen" zu verfolgen.
Für mittlere und niedere Breiten inag das eine nützliche Lrzieherregel sein.
In großen Naturen spiegelt sich die Linh eit des Alls, in ihnen schmelzen
unter dem Feuer des Schöpferwillens allgemeine und besondere Absichten,
sittliche, religiöse, philosophische nnd — musikalische zusammen. Gerade
dies ist dann das „Wesentliche" an Beethoven, daß ihm Musik so gut wie
niemals Spiel, fast immer Sache jener geballten Kraft war. Als Ganzes
tünt sein Werk die ganze Fülle des Kosmos wider, unbegreiflich einfach, wie
denn der Kosmos nicht Wirrnis, sondern ZusammLnklang ist. So begründet
sich die Größe Beethovenscher Musik. Zeitlich und räumlich Auseinander--
liegendes, für uns Auseinanderliegendes, zusammendenkend — da es ja
vor dem Schauen des Ewigen in einem Tage und in einem Nu sich
begibt —, mögen wir vielleicht sagen: als diese Erde sich dem Sternen--
Nebel entrang, als sie Menschen zeugte, wenn sie einst vergehen wird, zu
solchen Stunden mag tragische Musik erklungen sein, erklingen, erklingen
sollen, können wir von dieser etwas ahnen, dann können wir es, weil sie in
Beethoven widerklang. Sch

DeuLscher Hausrat

s ist vielfach die Meinung verbreitet, daß unsere heutige Möbel--
E^kuust einen gewaltigen Fortschritt gegen die der früheren Iahr--

hunderte bedeute. Bei Licht betrachtet wird sich aber recht häusig
das Gegenteil Herausstellen. Ohne einer Aberschätzung des Alten das
Wort zu reden, läßt sich sagen, daß die alte Möbelkunst technisch sowohl,
als auch qualitativ im Durchschnitt erheblich über der heutigen stand.

Ehe sich der Snobismus im Kunstsammeln breit machte, sammelte man
die Stücke um ihrer Schönheit und ausgezeichneten Arbeit willen. Selten
freilich war die „körperliche" Zuverlässigkeit der Arbeit selbst maßgebend,
und späterhin genügte überhaupt der Umstand, daß das Stück alt war.
Die edls Zunft der Fälscher wttterte sogleich, daß sich hier wieder einmal
nrit der Dummheit der Menschen ein gutes Geschäft machen ließe. Alter--
tümer erschienen in Masse und wurden gekauft. Man ließ sich nach
Herzenslust betrügen. Aber man war dabei letzten Endes in Vielen
Fällen doch nicht betrogen. Denn sehr oft bedeuteten diese Fälschungen
wirkliche Qualitätsarbeit. Sie glichen den echten Altertümern in allen
Stücken, bis auf den Umstand, daß sie funkelnagelneu und nich^t alt waren.
Lediglich die Illusion wurde von dem Käufer noch besonders bezahlt,
während er in punoto Material keinen Fehlkauf tat.

Was das alte Möbelstück wertvoll, selbst kostbar machte, das war seine
Ligenschaft als tzandwerksarbeit. Es war materialgerecht geschaffen und
durch und durch echt. Seit der Industrialisierung der Möbelherstellung
ist das von Grund aus anders geworden; der Geschmack der Käufer wurde
systematisch verderbt, wo er etwa noch zu verderben war. Eine glänzende
Außenseite, der der Kenner die Schundigkeit schon aus zehn Schritte ansah,
fing unzählige Gimpel. Es war ein Kunstersatz allerübelster Art, um
so verwerflicher, als er mit großer Geste Talmi für blankes Gold anpries.
Aber das Geschäft gelang, und das war für die neuen Kunstpropheten
eben die Hauptsache.

An und für sich läßt sich diese gewollte Verschandelung des Geschmacks
 
Annotationen