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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 3 (Dezemberheft 1920)
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Erdmann, Karl Otto: Das Doppelgesicht der Toleranz
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Thun, Theo: Pazifismus und Naturgesetz
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0177

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nur für konfessionslosen Moralunterricht bestimmten Stunden seinen eifern--
den Glauben auf die Schüler zu übertragen sucht? Es ist Widerspruch, kraft--
volle Selbstbehauptung und eine planmäßige Lrziehung in demokratischem
Geist zu verlangen, gleichzeitig aber auch „volle Autonomie" für die
Schule zu fordern und jede „Vergewaltigung" einer Lehrerpersönlichkeit
abzulehnen. Und unbequeme Alternativen werden nicht dadurch aus der
Welt geschafft, daß man vor ihnen die Augen schließt.

Es gibt ja noch viele Gebiete, auf denen sich einwandfrei ein Fortschritt
der Toleranzidee zeigen könnte: man mache mit der Freiheit der Wissen-
schaft völlig Ernst; man erziehe zu besseren Verkehrssitten und ächte nicht
ganze Bevölkerungsgruppen nur um ihres religiösen oder politischen Glau-
bens willen; man treibe keine Gesinnungsriecherei und enthalte sich aller
zwecklosen Schikanen gegenüber den Minderheiten; und wo notgedrungen
Maßregelungen und Vergewaltigungen platzgreifen müssen, unterlasse man
unwürdige „Verweise" und beschimpfende Strafen für ehrliche Aberzeu-
gungen. Aber wie immer sich auch die herrschenden Kreise der neuen
deutschen Republik verhalten mögen: der Vorwurf der Intoleranz wird ihr
nie erspart bleiben. Denn gerade weil die Toleranz noch mit Necht für
ein hohes Wertprädikat gilt, ist der Vorwurf „Intoleranz" der selbstver-
ständliche Ruf aller derer, die nicht am Ruder sitzen, aber gern ans Ruder
kommen möchten.

Dresden Karl OttoErdmann

Pazifismus und Naturgesetz

^L^ürzlich erschien im „Türmer" ein Aufsatz von Hermann von Rosen
^i^über „Pazifismus und Raturgesetz", der auf Grund von Betrachtungen
^ ^über „die mehr oder weniger konstant wirkenden äußeren physikalischen
Amstände" dem Pazifismus die reale Wirkungsmöglichkeit absprach. Zuerst
ist diesem Aufsatz gegenüber wohl eine strenge Kritik insofern am Platze,
als auch in ihm Zitate völlig aus dem Zusammenhang gerissen werden, so
daß sie ein falsches Bild von der Stellung des betreffenden Autors geben.

Ferner wird aber in dem genannten Aufsatz auch ein völlig falsches
Bild vom heutigen Pazifismus gegeben. Der Verfasser bringt nämlich in
kurzen Strichen einen Ahriß der Geschichte der pazifistischen Bewegung,
bespricht in ausgiebiger Weise die Forderungen der großen Ethiker aller
Zeiten wie Montesquieu, Leibniz, Rousseau und Kant, übergeht aber völlig
die Schule des neuen Pazifismus, die gerade auf naturwissen-
schaftlichen Grundlagen ihre Kritik an den verschiedenartigen Friedens-
forderungen aufbaut.

Ist der Pazifismus, d. h. das unbedingte Streben nach dem Frieden,
eine Bewegung, die gegen die Gesetze der Natur ihr Ziel erreichen will,
oder handelt nicht gerade der Pazifismus im Einklang mit den Natur-
gesetzen? Zur Beantwortung dieser Frage ist vor allem die Auseinander-
setzung mit denen nötig, die aus der von Darwin aufgestellten Theorie
vom „Kampfe ums Dasein" für unser menschliches Leben falsche Schlüsse ziehn.

Diese Theorie vom „Kampf ums Dasein", die nun in ihrer Derallgemeine«
rung bereits ein leeres Schlagwort geworden ist, ist vom rein naturwissen-
schaftlichen Gebiete aus ohne jede Rechtfertigung auf jedes soziale Verhältnis
zwischen Menschen angewandt worden. Der Kampf ums Dasein in der
Natur, der fast immer nur zwischen Pflanzen und Tieren verschiedener
 
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